Die Industrieexpansion Europas beginnt selbst die Kräfte größter Konzerne zu sprengen und schickt sich an, Planungen und Lösungen zu fordern, die nur noch in großen Gemeinschaftsarbeiten realisierbar sein werden. Auf dem Eisenhüttentag 1956 hat Prof. Hermann Schenck (TH Aachen und AR-Mitglied von Klöckner) den Blick der Öffentlichkeit auf jene Konsequenzen gelenkt, die sich aus den hohen Zuwachsraten des europäischen Massenverbrauchsergeben.

Deutschland wie der Montan-Unions-Raum stehen vor der Tatsache relativ enggezogener wirtschaftsgeographischer Bedingungen. Von jetzt an können die industriellen Zuwachsraten praktisch nicht mehr aus dem europäischen Rohstoff- oder Energiereservoir gedeckt werden. Die Steigerung der deutschen Rohstahlerzeugung von jetzt 23,5 Mill. Jahrestonnen auf 30 Mill. in 1960 (1956 werden in Deutschland 9 Mill. t Rohstahl mehr produziert als 1936) ist nur durch Import von Übersee-Schrott, Übersee-Erz, Übersee-Kohle und Übersee-Öl möglich. Dieser Importzwang versetzt die Industrie in die vergleichbare Situation neuer Kapazitäten in industriell unterentwickelten Ländern.

Die Mengenzunahmen im Rohstoffverbrauch um hundert und mehr Mill. t auf dem Kontinent zwingt weiterhin dazu, in großen Gemeinschaftsarbeiten alle Einrichtungen und Vorgänge von der Verschiffung des Rohstoffs bis zum Verarbeitungsbetrieb international aufeinander abzustimmen. Nicht nur die Tanker, auch die Erz- und Kohlenfrachter werden größer und größer. Mit ihnen müssen die Transport-, Lösch- und Lagereinrichtungen wachsen, muß die Kanal-, Fluß- und Eisenbahnkapazität ausgebaut werden, müssen großräumige europäische Transportlösungen gefunden werden.

Da auch die Menschen knapper werden, ist die Arbeit denkender und handelnder Personen durch neue Mechanik zu ersetzen. Allüberall drängen sich Konstruktion- und Bauaufgaben auf, die nur mit „Massivlösungen“ zu bewältigen sind. Die zunehmende Mechanik bedingt große und einheitliche Produktionsprogramme, die ihrerseits wieder noch größere und gemeinschaftliche Märkte als den der Montan-Union erfordern. Die moderne Weiterentwicklung und Bedarfszunahme erfordert außerdem Fähigkeit und Bereitschaft, hohe Investitionskapitalien in die Umgestaltung oder den Neubau von Werken und Transportwegen wie Transportmitteln hineinzustecken. Ohne Zweifel steht Europa vor dem Zwang, ökonomische und industrielle Entscheidungen großen Ausmaßes zu fällen, wenn es nicht im Wettkampf der großen Blocks Ost und USA zurückbleiben will. Rlt