Ph. D., Washington, im November

Washington ist überzeugt, die Gefahr einer sowjetischen Intervention im Nahen Osten sei so konkret gewesen, daß England und Frankreich dadurch veranlaßt wurden, ihren Vormarsch in Ägypten zu stoppen. Auch die Amerikaner nahmen die sowjetische Drohung ernst genug, um ihre Luftwaffe zu alarmieren. Beamte im Pentagon, die weder als ängstlich noch als Schwarzseher bekannt sind, glaubten in der vorigen Woche allen Ernstes, der Atomkrieg stehe vor der Tür.

Berichte der westlichen Geheimdienste hatten die Bewegung sowjetischer Unterseeboote in Richtung Port Said und die Bereitstellung syrischer Flugplätze für sowjetische Düsenbomber gemeldet. Das Pentagon informierte Präsident Eisenhower dahin, daß mit einem sowjetischen Bombardement Zyperns und mit Angriffen auf die anglo-französischen Flotteneinheiten vor der ägyptischen Küste innerhalb von 48 Stunden zu rechnen sei! Wie hätte Washington reagiert, wenn es tatsächlich dazu gekommen wäre? Zunächst hätte der Kongreß einberufen werden müssen, um zu entscheiden, ob amerikanische Streitkräfte in den Nahostkonflikt eingreifen sollten oder nicht. Die allgemeine Empörung über das sowjetische Vorgehen in Ungarn hätte zwar für eine Intervention Amerikas gesprochen, die Furcht vor einem Atomkrieg ist andererseits ein Faktor von gar nicht zu überschätzender Bedeutung.

Amerikanische Diplomaten kommen bei ihrer Analyse der sowjetischen Absichten zu dem Schluß, Moskau hätte mit der Intervention im Nahen Osten sein Ansehen in der neutralen Welt – das durch die Ereignisse in Ungarn sehr erschüttert war – wiederherstellen wollen. Auf jeden Fall hofften die Sowjets durch betont energisches Auftreten in Ägypten, den Vereinigten Staaten, die sich im Ägypten-Konflikt mit Nichteinmischung begnügen, in den Augen der asiatischen Völker den Rang als Friedensstifter abzulaufen. In Washington stellt man mit Bedauern fest, diese Red lang werde wohl aufgehen.