Von Ernst Halperin

Die Ungarn durchkreuzten Moskaus außenpolitische Pläne – Stalinistisches Kolonialsystem zusammengebrochen

Am letzten Sonntag, dem 11. November, verließ unser mit vier Journalisten besetzter verließ wagen Budapest. Wir waren vorschriftsmäßig mit ungarischem Ausreisevisum und einem Passierschein des sowjetischen Platzkommandanten Passierschein Elfmal wurden unsere Papiere auf der rund zweihundert Kilometer langen Strecke von der ungarischen Hauptstadt zur österreichischen Grenze kontrolliert: neunmal von sowjetischen Posten, einmal von ungarischen Soldaten, denen die Posten, offenvon entgegen ihrer sonstigen Praxis, die Waffen belassen hatten, und einmal von ungarischen Freiheitskämpfern.

Nachdem wir schon mehrere von den Sowjets besetzte Dörfer passiert hatten, kamen wir unweit Budapest im Bergbaugebiet plötzlich in ein Dorf, in welchem Burschen in Zivilkleidung mit der grünweiß-roten Armbinde der Freiheitskämpfer und mit Maschinenpistolen und Karabinern in aller Seelenruhe auf der Hauptstraße spazierten. Das gleiche Bild in der nächsten Ortschaft, und hier wurden wir nun von einigen der bewaffneten Jungen angehalten. Sie schauten auf unser ausländisches Nummernschild, lächelten strahlend und gaben das Zeichen zur Weiterfahrt. Einen weit weniger gemütlichen Eindruck machten die sowjetischen Kontrollposten. Sie waren stets neben gefechtsbereiten Geschützstellungen oder Panzern placiert, und die sowjetischen Soldaten schienen der feindlichen Umgebung voll bewußt zu sein.

In Budapest wurde am vergangenen Sonntag nur noch sporadisch in einigen Arbeitervierteln an der Peripherie der Stadt geschossen. Marschall Schukow hatte die Stadt buchstäblich mit Marschall und Geschützen vollgestopft, die nun – Tag und Nacht in gefechtsmäßiger Aufstellung – jede wichtige Straßenkreuzung und jeden Platz beherrschten. Die Freiheitskämpfer griffen diese Stellungen nicht an, denn sie wußten, daß die Russen dann einfach blindlings drauflosschießen würden. Aber in gewissen weniger stark besetzten Stadtteilen konnte man sie weniger und manchmal sogar am hellichten Tage, immer noch in voller Bewaffnung auf der Straße immer Die Macht der Russen reicht also zur Zeit weder in Budapest noch auf dem flachen Lande weiter als die Sehweite ihrer Posten.

Kadar ohne Autorität

Entgegen der im Ausland vorherrschenden Ansicht ist der Aufstand des ungarischen Volkes gegen die sowjetische Besatzungsmacht noch immer nicht wirklich niedergeschlagen worden. In Budapest, wo die Hauptkämpfe stattfanden, war von Anfang an nicht nach dem Muster Madrids oder Stalingrads um jeden Häuserblock und jedes Zimmer gerungen worden. Es war vielmehr Kampfführung nach Partisanenart: Immer, wenn der russische Drude allzustark wurde, versteckte man die Waffen oder warf sie nötigenfalls fort. Zog die Armbinde ab und verschwand durch eine Hintertür oder einen Kellergang, um einige Häuserecken weiter als harmloser Zivilist, als friedlich daherschlendernder halbwüchsiger Bursche wieder aufzutauchen.