... wurde ein wohlgelungener Roman

Ein Schlagwort der jüngsten Vergangenheit ist das vom „Ausgesetztsein des Menschen“ – ausgesetzt dem brutalen Zugriff des Schicksals, in Situationen „geworfen“, die sein Verantwortungsvermögen überfordern und für die keine Verhaltungsmaßregeln der Gesellschaft mehr gelten. Dieses Ausgesetztsein ist dem Menschen von heute so vertraut, daß ihm das in den letzten Jahren von mehreren Schriftstellern dafür gewählte Gleichnis vom Schiffbruch ohne weiteres einleuchtet, gleichgültig, ob von Schiffbrüchigen des letzten Weltkrieges erzählt wird oder von Seeleuten, die irgendwann einen Schiffbruch erlitten, wie beispielsweise in dem neuen Roman von

Heinz Risse: „Große Fahrt und falsches Spiel.“ Verlag Albert Langen/Georg Müller, München; 264 Seiten, 14,80 DM.

Hier sind es vier norwegische Matrosen, die im Jahre 1877 auf einer gottverlassenen Insel, unbewohnt von Mensch und Tier, stranden. Um dem sicheren Hungertode zu entgehen, würfeln sie. Der Verlierer soll sich für die anderen opfern, die von seinem Fleisch ihr Leben fristen wollen. Aber einer von ihnen, Steen, hat das Spiel in der Hand. Er ist der Starke, den die Erfahrungen eines harten Lebens skrupellos gemacht haben. Mit klarem Blick erkennt der von der Polizei gesuchte Falschspieler seine Chance, als in dem Augenblick, in dem der zum Tode bestimmte Garborg vor seinen Kameraden ins Innere der Insel flüchtet, ein Schiff aufkreuzt. Steen gibt sich für Garborg aus, der zurückbleibt. Als Garborg kann er in Norwegen unbehelligt an Land gehen. Als Garborg setzt er sein Leben fort, und während die beiden Mitschuldigen am unvermeidlichen Hungertode Garborgs, von Gewissensbissen gepeinigt, zugrunde gehen, bedarf es einer Kette von Ereignissen und Schicksalstücken, um den harten Steen zu brechen. Daß am Ende Steen durch „falsches Spiel“ – diesmal eines anderen – ebenso zugrunde geht wie der durch Steens falsches Spiel zum Tode verdammte Garborg auf der Hungerinsel, daß sich eine objektive Gerechtigkeit, die nicht nach der „Situation“ fragt, Auge um Auge vollzieht, nachdem der hartgesottene Steen artig und überzeugend gestaltet.

Der Autor, der im übrigen einen wirtschaftlichen Beruf ausübt, sagt von sich selbst, daß er experimentiere. Das Wort Cézannes vom Realisieren habe ihn fasziniert. Alles was man wahrnehme, fühle oder denke, müsse sich im Bereich des Wortes ausdrücken lassen. Hat er den Mann Steen „wahrgenommen“? Es scheint, daß dieser Mann heute eine alltägliche, ja, eine typische Figur geworden ist – wir kennen seine schicksalhafte Verstrickung, an der nichts als sein ungebrochen starker Lebenswille schuld war, die er kraftvoll wegargumentiert und der er schließlich dennoch – wenn auch wohl über soviel unheimliche Logik staunend – erliegt. Auch die „Schwachen“, deren Angst die Vergeltung sozusagen an den Haaren herbeizieht, sind wahrgenommene Gestalten, seltenere allerdings, weniger augenfällige. Heinz Risse hat sie alle auf die einfachsten Formeln gebracht, und wenn dieses perfekte, klar und spannend geschriebene Buch für den Autor ein Experiment war, so spürt der Leser nichts von dem Fragmentarischen, das dem Experiment im allgemeinen anhaftet – ein gelungenes Experiment also, das nichts zu wünschen übrig läßt. Johanna Moosdorf