Stockholm, im November

Am 30. Oktober flaggte man in fünf nordischen Ländern. Eine Briefmarke mit fünf fliegenden Schwänen erschien in Schweden, Norwegen, Dänemark, Island und Finnland als Zeichen der Zusammengehörigkeit und der Zusammenarbeit der skandinavischen Länder. Man feierte den „Tag des Nordens“ und konnte auf eine lange Reihe von praktischen Ergebnissen hinweisen.

Vielleicht ist das Gefühl für diese Zusammenarbeit und Zusammengehörigkeit deshalb so unerschütterlich, weil keinerlei Zwang vorliegt, weil jedes der fünf Länder autonom ist und seine eigenen Wege gehen kann, wann und wie es will. Das ist auch der Fall in der Außenpolitik, wo ja Dänemark und Norwegen sich dem Atlantikpakt angeschlossen haben, Schweden bündnisfrei neutral ist und Finnland einen gegenseitigen Beistandspakt mit der UdSSR hat. Zwar ist an ein Wiedererstehen der alten skandinavischen Münzunion vorläufig nicht zu denken; aber man hat 1952 gegenseitig den Paßzwang aufgehoben, seit 1953 gibt es den Nordischen parlamentarischen Rat, dem nun auch Finnland angehört; seit 1954 besteht ein gemeinsamer nordischer Arbeitsmarkt, ohne Aufenthaltserlaubnis und mit dem Anspruch auf die gleiche soziale Sicherheit und Krankenkassenhilfe. Die Universitäten erkennen Studien und Zwischenexamen in anderen nordischen Ländern voll an. Der Gesetzgebung sucht man nach Möglichkeit den gleichen Wortlaut zu geben.

Der einzelne spürt die Gemeinsamkeit vielleicht symbolisch am meisten, wenn er auf Briefe nach skandinavischen Nachbarländern nur das Inlandporto zu kleben braucht. In dem SAS hat man seit vielen Jahren eine gemeinsame Luftverkehrsgesellschaft, was sich bei den Verhandlungen mit Westdeutschland als großer Vorteil erwies. Aber auch in der Weltpolitik strebt man nach einem gemeinsamen Standpunkt.

Die Bildung einer nordischen Zollunion stieß allerdings auf bedeutende Schwierigkeiten, da der Stand der Industrialisierung große Unterschiede aufweist. In den letzten Monaten sind jedoch vor allem zwei neue Antriebsmomente hinzugekommen, die eine wirtschaftliche nordische Zusammenarbeit nicht nur zu einem wünschenswerten Zukunftsbild, sondern zu einer demnächst unausweichlichen Notwendigkeit gemacht haben. Da ist zunächst die rasch fortschreitende Automation der Industrie, und da sind ferner die Verhandlungen der sechs Länder der Montan-Union, die auf die Bildung eines nach außen hin zollgeschützten, nach innen aber zollfreien europäischen Großmarktes hinauslaufen. Das Programm, das die Vertreter Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Hollands, Italiens und Luxemburgs – wenn auch unter großen Schwierigkeiten – ausgearbeitet haben, hat in den interessierten skandinavischen Kreisen stärkste Beachtung gefunden, vor allem, seitdem man sich in Venedig geeinigt hat und an die Ausarbeitung von Verträgen gegangen ist. Was bedeutet ein solcher Europamarkt für unsere Exportindustrie? fragt man sich im Norden. Sollen wir weiter draußen bleiben? Sollen wir mitmachen? Sind wir vielleicht ganz einfach gezwungen, uns anzuschließen?

Ein solcher Zwang zum Anschluß würde keineswegs von außen, sondern von innen kommen. Die Automation der Industrie verlangt nun einmal einen gewaltigen Aufwand von Kapital, das sich aber nur dann rentieren kann, wenn große Produktionsserien hergestellt und abgesetzt werden können. Für Serien dieser Größenordnung aber ist ein einzelnes skandinavisches Land zu klein. Man braucht also als Minimum einen gemeinsamen nordischen Markt.

„Im Zeitalter der Automation reicht der schwedische Markt nicht mehr aus“, erklärte kürzlich Dir. Lundqvist vom Verband der eisenverarbeitenden Industrie Schwedens. Wenn Westeuropa nicht mit seiner Produktion zwischen den USA und dem Ostblock eingeklemmt werden will, muß ein gemeinsamer Markt geschaffen werden. Es wäre wünschenswert, wenn die nordischen Länder bei den vorbereitenden Besprechungen eine gemeinsame Front bildeten, erklärte der Vorsitzende des Zellstoff- und Papierkomitees der OEEC, Dir. Lagergren. Auch Dir. Landberg vom Verband der schwedischen Papierindustrie (mit einer Jahresausfuhr von rund 650 Mill. DM) sagte rund heraus, daß Schweden mit seiner relativ großen Ausfuhr keine Möglichkeit hat, die vorgeschlagene europäische Zusammenarbeit abzulehnen.