Paris, im November

Frankreich hat in den ersten Novembertajen ein jähes Auf und Ab des politischen Barometers erlebt. Mit der Erklärung des Ägyptenkrieges ging es zunächst steil aufwärts. Nicht daß dieser Krieg mit Begeisterung begrüßt worden wäre: „Es fehlt wohl an Gelegenheiten für unsere jungen Leute, sich totschießen zu lassen.“ Aber mit Ausnahme der Kommunisten begrüßte man das Unternehmen, weil man von ihm eine rasche Lösung aller Probleme erhoffte. Und wie schon sei der Entführung des marokkanischen Flugzeuges sagte man sich: „Es wird wenigstens endlich etwas unternommen! Endlich einmal reißen wir die Initiative an uns!“

Merkwürdigerweise schien niemand damit zu rechnen, daß es für Frankreich zu einem „richtigen Krieg“ kommen werde. Die einen nahmen wohl an, daß die tapferen Israelis noch vor Eintreffen der Anglofranzosen alles erledigt haben würden. Andere wieder schienen zu glauben, daß das bloße Erscheinen englischer Kriegsschiffe vor der feindlichen Küste wie im 19. Jahrhundert das dortige Regime gleich einem Kartenhaus zum Einsturz bringen werde.

Doch zunächst folgte die Zerreißprobe jener Tage, an denen die Zeitungen monoton meldeten: „Anglofranzösische Landung unmittelbar bevorstehend“ und an denen doch nichts geschah. Dieses Zögern kann militärtechnisch begründet werden; politisch war es verhängnisvoll. Ein Pariser Blatt meinte: „Unserer Regierung scheint nicht bekannt zu sein, daß Kriege heute in acht Tagen gewonnen werden müssen.“ Es ersparte sich den Zusatz: sonst sind sie verloren.

Auf jeden Fall stieg Anfang letzter Woche das Stimmungsbarometer nur kurz, als die Landurg endlich erfolgt war. In der Nacht vom Montag auf den Dienstag folgte bereits die kalte Dusche. François Mauriac hat in einem poetischen Bild den Schock geschildert: „Heute sind wir wieder in de bedrückende Nacht getaucht. Ein fahler Blitz durchzuckt sie, und wir erkennen die verletzte Bärin: sie hat sich auf ihren Tatzen aufgerichtet und steht uns plötzlich Aug in Auge gegenüber.“

So erstaunlich es klingt: Bis in die Ebene der verantwortlichen Minister hinauf scheint – mit Ausnahme von ein paar von den Kommandchebeln verdrängten Außenseitern – niemand ernstlich damit gerechnet zu haben, daß Sowjetrußland über den Ereignissen in Osteuropa noch Zeit finden könnte, sich um den Vorderen Orient zu kümmern. Und noch weniger schien man sich zu fragen, ob man nicht mit der Intervention in Ägypten einen Teil der Schuld an der grausamen Zerschlagung des ungarischen Freiheitskampfes trage.

Bulganins Wink mit den Raketengeschossen genügte, um die in Abwesenheit der Katze tanzenden Mäuse erstarren zu lassen. An diese allen Völkern bekannte Parabel dachte wohl jenes rechtsextremistische Wochenblatt in Paris, das ergrimmt feststellte: „Wir haben der Sowjetunion – und der ganzen Welt – gezeigt, daß ein Wimperzucken Bulganins genügt, um die Mäuse unter dem Boden verschwinden zu lassen.“ Kurz: das Ägyptenabenteuer, das die bisherigen Niederlagen Frankreichs in diesem Jahr auslöschen sollte, hat diese vielmehr mit einer noch schlimmeren gekrönt.