W. L., München

„...no harm will result from closing the case als the suicide of an Unknown...“. So endet der Brief, den Beamte der bayrischen Landpolizei in der Tasche eines Toten fanden. Der Mann lag auf dem Rücken, als ob er schliefe. Die kleinkalibrige Pistole verdeckte er mit seinem Körper. Kinder hatten ihn beim Spiel in einem Gebüsch unweit der Olympiastraße München – Garmisch im Forstenrieder Park gefunden, nachdem er dort tagelang gelegen hatte.

Die polizeilichen Ermittlungen liefen an, und weil der Brief in englischer Sprache verfaßt war, schaltete man die amerikanische Militärpolizei ein. Sämtliche in Europa stationierten Einheiten wurden überprüft, Urlaubszentren benachrichtigt, Personalabteilungen befragt und das Konsulat verständigt. Nirgendwo wurde der Tote vermißt. Er blieb „unbekannt“, obwohl man wußte, daß er noch im Mai in München am Marienplatz eine Krawatte gekauft hatte und daß sein Mantel und Anzug von einer New Yorker Firma stammten.

Unerkannt und unbekannt aber wollte dieser Mensch bleiben. „... Es ist mein letzter Wille, daß der Fall meines Selbstmordes ohne den Versuch einer Identifizierung abgeschlossen wird .. heißt es in dem Schreiben, das er seiner Nachwelt hinterlassen hat. „I am going to kill myself simply because I am awfully curious to know what happens after death ... ich will das Geheimnis des Todes kennenlernen, und deswegen habe ich mich entschlossen, freiwillig als Forscher die Schwelle des Todes zu überschreiten... Es ist allgemeiner Brauch, jene Menschen zu verherrlichen, die als Forscher in fremde Erdteile vordringen. Ebenso ist es Brauch, jene zu verachten, die freiwillig eine Reise in den Tod wagen. Ich glaube, daß diese Auffassung von der Natur gegeben ist, damit sich die Menschheit nicht selber vernichtet.“

Klar und ausgeprägt reiht sich Zeile unter Zeile. Ruhig sind die Schriftzüge und fehlerfrei die Sprache. „...Vielleicht aber handle ich falsch, und meine Tat widerspricht dem Naturgesetz. Dann werde ich bestraft, und was ich hinter dem Tode feststellen werde, wird das reine Nichts sein. Es ist ein Glücksspiel. Gleich einem Spieler fiebre ich dem Ergebnis entgegen. Es dürfte keinem etwas schaden, wenn dieser Fall als Selbstmord eines Unbekannten ad acta gelegt wird...“

Ohne Unterschrift endet dieser Brief aus der Tasche eines Toten, der jetzt als „Unbekannter Toter“ noch jahrelang in den polizeilichen Ermittlungsakten geführt wird. Was immer er auf seiner eigenmächtigen „Reise“ erfahren hat – es wird ein Musterfall für jene Erfahrungen bleiben, die man niemandem vermitteln kann.