II. Die nach Rußland deportierten deutschen Flugzeugspezialisten erfüllen ihr Soll: Rote Luftwaffe bekommt neue Flügel

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Unseren Tatsachenbericht „Verschleppt bei Nacht und Nebel“ über die Umsiedlung der Kernstücke der deutschen Flugzeugindustrie mitsamt den Konstrukteuren und ihren Familien von Mitteldeutschland nach der Sowjetunion, den wir in der vorletzten Ausgabe der ZEIT (Nr. 44) begannen, setzen wir hiermit fort. Im ersten Teil berichtet der Verfasser, selbst einer der Verschleppten, wie die Spezialisten von sowjetischen Rollkommandos nachts aus ihren Wohnungen geholt und als lebendes Demoatagegut nach Rußland verladen wurden. Der zweite Teil schildert die Ankunft in der Spezialistensiedlung „Klein Deutschland“ in der Nähe von Moskau, den Kampf gegen Hunger und Not, die Flucht der Deutschen in die Arbeit und die Früchte dieser Arbeit in Gestalt des ersten Überschallflugzeugs der Welt. Eine dritte und letzte Fortsetzung wird den Aufbau der neuen Roten Luftwaffe mit Hilfe deutscher Konstruktionen in Zusammenfassung vieler bisher unbekannter Einzelheiten schildern.

Je weiter sich der Zug mit den aus Halle und Dessau verschleppten Flugzeugtechnikern von Deutschland entfernte, desto lockerer wurde die Bewachung. Tag für Tag und Nacht für Nacht verstrich im eintönigen Rattern der Räder. Sie sprachen weniger, je weiter sie nach Rußland hineinfuhren – über Dno – Starajja Russa nach Welikij Lukij und weiter und weiter, bis in der Ferne die Kuppeln und Türme Moskaus am Horizont standen, bis der erste Schnee vom Himmel fiel und bis sie sich auf einem großen Abstellbahnhof neben einundzwanzig anderen, bereits vorher eingetroffenen und noch vollbesetzten Zügen wiederfanden.

Von einem Verschiebebahnhof, wenige Kilometer ostwärts Moskaus, setzte sich der Zug noch einmal in Bewegung, und nach einigen Stunden Fahrt durch schneebedecktes Land, dem das Elend aus jeder Hütte schaute, war man endlich am Ziel.

Podberesje lag am Moskauer Meer, einem Stausee der Wolga, so daß Moskau mit dein Schiff erreicht werden konnte. Der Ort bestand aus zwei Teilen, einem Fischerdorf und einem Barackendorf. In jedem einzelnen Zimmer hauste eine ganze russische Familie nicht nur mit Kind und Kegel, sondern auch mit allem Vieh, mit Gänsen, Hühnern und Schweinen zusammen.

Und so wie hier in Podberesje, wo die Junkers- und Siebelflugzeugwerke und wo in wenigen Wochen noch die Heinkelflugzeugwerke aus Oranienburg bei Berlin neu errichtet werden sollten, waren die Verhältnisse in Kuibyschew, dem großen Triebwerkzentrum der Roten Luftwaffe, wohin von Moskau aus riesige Transportzüge der Junkers-Flugmotorenwerke Bernburg geleitet wurden. Auch dort gab es ein „Klein-Deutschland“, errichtet in der Hoffnung, dieser für Rußland außergewöhnliche Komfort würde die Deutschen mit ihrem Los aussöhnen. Aber diese eigensinnigen und und undankbaren Spezialisten (die man für den Aufbau der sowjetischen Luftwaffe so notwendig brauchte) protestierten – und umgehend wurden die Gehälter aufgebessert.