Unser Mitarbeiter Robert Strobel bereiste Tunesien und gab uns über seine Eindrücke in diesem Land, das durch die Auseinandersetzungen in Nordafrika in den Vordergrund gerückt worden ist, den nachfolgenden Bericht.

Wer heute durch Tunesien reist, kann sich nur schwer vorstellen, daß dieses von der Sonne ausgedörrte Land, das zum Teil – zumal im Süden – jetzt Wüste ist, zur Zeit Hannibals und der Römer eine der fruchtbarsten Kornkammern am Mittelmeer gewesen ist. Die mächtigen Ruinenreste der römischen Aquädukte, die in mehreren Landesteilen die Jahrhunderte überdauert haben, deuten stumm das Geheimnis jener Fruchtbarkeit. Man könnte aus diesem Land ein Paradies machen, wenn man es richtig bewässert...

Die Franzosen haben im Norden große Stauwerke gebaut. Der Medjerdah, ein nicht allzu wasserreicher Fluß, wurde mehrfach gestaut, und in fünf Jahren sollen die geplanten weiteren Staustufen fertiggestellt werden. Man zeigte uns das Zentrum des landwirtschaftlichen Versuchsfeldes am Medjerdah. Hier hat man mit Baumwollkulturen ebenso gute Erfahrungen gemacht wie mit der Sojabohne oder der Rizinuspflanze, abgesehen von den landesüblichen Getreidearten und Früchten. Man braucht etwa drei Liter Wasser, um dem Boden ein Kilogramm Baumwolle abzugewinnen. Ein Liter Wasser kostet vier bis sechs Francs je nach der Jahreszeit. Das ist die wichtigste Kalkulationsgrundlage. Ein weitverzweigtes Berieselungssystem verteilt das Wasser in kluger Dosierung über große Felder. Aus der Tabelle der Wasserbezieher, deren Verbrauch genau zu kontrollieren ist, geht hervor, um wieviel der Anteil französischer Siedler größer ist als der der arabischen Abnehmer der Wasserwerke.

Hier ist ein wirtschaftliches Problem mit einem politischen eng verquickt. Die französischen Siedler profitieren nicht nur von den Vorteilen ihrer hohen technischen Zivilisation, ihrer stetigen, fleißigen Arbeit, er weit überlegenen Kapitalkraft, sondern auch von der politischen Machtposition ihres Landes. Ihr verdanken sie es nicht zuletzt, daß sie heute die besten Böden besitzen. Die Zoll- und Währungsunion mit Frankreich gibt der französischen Industrie kaum aufholbare Vorteile. Von der gesamten Einfuhr Tunesiens im Jahre 1955 von 63,2 Mrd. Francs kamen 51,4 Mrd. aus der Franken-Zone einschließlich der überseeischen Besitzungen Frankreichs. Die Bundesrepublik Deutschland rangiert im Handel mit Tunesien erst an siebenter Stelle hinter Frankreich, Italien, den USA, England, Ceylon und Holland.

Die Tunesier bemühen sich, den deutschen Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zu vergrößern. Sie wissen, daß sie ohne fremde Hilfe der großen ökonomischen und technischen Probleme, die ihnen die Bewässerung des Landes, der Aufbau einer Industrie, die dringend notwendige Verbesserung des armseligen Lebensstandards ihrer Bevölkerung aufgibt, nicht Herr werden können. Es fehlt an Kapital und Fachkräften. Prof. Wehrle von der volkswirtschaftlichen Fakultät der Frankfurter Universität soll mit anderen deutschen Sachverständigen ein Gutachten über die Möglichkeiten der wirtschaftlichen Erschließung des Landes unter dem Aspekt einer eventuellen deutschen Beteiligung ausarbeiten. Tunesien ist reich an Phosphaten, auch Blei- und Eisenerze sind in beträchtlicher Menge vorhanden.

Die deutsche Industrie zeigt sich gegenüber Investitionsprojekten in Tunesien bisher sehr reserviert. Sie scheut offensichtlich das politische und wirtschaftliche Risiko, das damit verbunden wäre. Nach den Schätzungen eines deutschen Ingenieurs, der zur Zeit das Land bereist, ließe sich bereits mit Krediten von 150 bis 200 Mill. DM eine beachtliche wirtschaftliche Ausgangsposition schaffen. Die tunesische Regierung ist freilich durch die Abkommen mit Frankreich in ihrer handelspolitischen Aktionsfähigkeit stark eingeschränkt.

Von den etwa 3,8 Millionen Einwohnern Tunesiens leben die meisten in für uns unvorstellbarer Armut. Dem Industriearbeiter haben die Gewerkschaften, die angeblich 200 000 Mitglieder zählen, einen durchschnittlichen Stundenlohn von 72 Francs (ungefähr 80 Pfennig) gesichert. Der Landarbeiter verdient 350 ffrs. je Tag einschließlich des Naturallohnes. Das monatliche Existenzminimum beträgt aber für eine fünfköpfige Familie etwa 40 000 ffrs. Neben ungefähr 800 000 Beschäftigten gibt es 400 000 Arbeitslose.