Weltkrieg vorläufig vermieden: Geheimdienstmeldungen über militärische Vorbereitungen der Sowjets für ein Eingreifen im Nahen Osten veranlagten Eisenhower, England und Frankreich zu warnen, daß sie mit sofortigem amerikanischen Beistand nicht rechnen könnten, falls sowjetische U-Boote oder Düsenbomber das anglo-französische Expeditionskorps in Ägypten angreifen sollten. Eden und Mollet beschlossen daraufhin – schweren Herzens – die militärischen Operationen in Ägypten abzubrechen, bevor die wichtigsten Ziele dieses – von der ganzen Welt stark kritisierten– Unternehmens, nämlich die Besetzung des Suez-Kanals und der Sturz Nassers erreicht waren. Zum sofortigen Rückzug ihrer Truppen, den Moskau verlangte, konnten sie sich nicht entschließen, versprachen aber Ägypten zu räumen, sobald die UNO-Polizei-Streitkräfte in genügender Stärke eintreffen würden.

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Eine gewandelte UNO: UNO-Generalsekretär Hammarskjöld trieb die Aufstellung der von der Vollversammlung beschlossenen UNO-Polizeitruppe mit größter Eile voran. Die ersten UNO-Polizisten, meist Dänen und Norwegen, sind schon in Ägypten, weitere Kontingente am Sammelplatz Neapel eingetroffen. Hammarskjöld flog selbst nach Kairo, um, wie er sagte, dafür zu sorgen, „daß diese Truppe den Start erhält, den sie verdient, und den Präzedenzfall schafft, den die Vereinten Nationen brauchen“. 20 Nationen haben Kontingente für die UNO-Polizei angeboten. Die „fünf Großen“ sind an dieser Aktion nicht beteiligt. Sie wurden von der UNO-Mehrheit „entmündigt“, was nur unter dem Eindruck der sehr realen Kriegsgefahr möglich war. Ein erster Erfolg dieser gewandelten UNO ist das Versprechen Ben Gurions, noch vor Eintreffen der UNO-Polizei Ägypten zu räumen.

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Chaos in Ungarn: Sowjetische Panzer brachen dem anti-kommunistischen Aufstand die militärische Spitze ab, konnten aber Weder mit dem aktiven Widerstand der Partisanen, noch mit dem passiven der ganzen Bevölkerung fertig werden. Immer wieder bilden sich Widerstandsnester, und die Macht der Sowjets in Moskau (und der von Moskau gestützten Regierung Kadar) reicht nicht weiter als die sowjetischen Kanonen. Das Land treibt dem Chaos entgegen und gegen Chaos helfen keine Kanonen. Das hat auch Moskau erkannt und sucht verzweifelt – noch einmal – nach einer politischen Lösung. Es ist bereit, den Ungarn die gleiche Stellung einzuräumen wie Polen oder Jugoslawien, aber es fürchtet sich vor freien Wahlen. Ein Ersuchen, UNO-Beobachter nach Ungarn hereinzulassen, hat die Regierung Kadar abgelehnt. Doch erklärte Generalsekretär Hammarskjöld, er werde auf der Rückreise von Ägypten wahrscheinlich nach Ungarn oder zu mindesten an die ungarische Grenze fliegen. Moskau ist gegen eine UNO-Aufsicht in Ungarn, Weil es damit rechnet, daß diese dazu führen werde, daß Ungarn sich in freien Wahlen für den Westen entscheiden würde, was eine Verschiebung des Mächtegleichgewichts zwischen Ost und West zur Folge hätte.

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Bonn für die UNO: Verurteilung der Gewaltanwendung sowohl in Ungarn wie in Ägypten war der Tenor der Erklärungen aller Parteien auf einer Sondersitzung des Bundestages. Während die Regierungsparteien im Falle Ungarns von „Abscheu“, im Fall Ägyptens von „Bedauern“ sprachen, fielen bei der Opposition diese „Nuancen“ fort, und die Kritik an England und Frankreich war wesentlich stärker. Regierung und Opposition gemeinsam ist ein wachsendes Interesse für die UNO. Adenauer meinte, die UNO habe sich „bewährt“ und der 2. SPD-Vorsitzende, Mellies, trat auf einer Wahlrede dafür ein, die UNO-Polizei zu einer ständigen Einrichtung zu machen. (Sirius, 15. XI.)