Zu den schrecklichsten Erscheinungsformen des zweiten Weltkriegs zählen die Terrorangriffe auf die Zivilbevölkerung. Unvergeßlich sind die Stunden für jeden, der sie erleben mußte, da man in feuchten, ungenügend geschützten Kellern saß, zusammengedrückt mit angstvollen Menschen, und draußen ging ein Orkan sinnloser Vernichtung nieder. Literarisch hat sich dieses Erlebnis bisher nur spärlich niedergeschlagen. Zwar erschien schon 1948 Hans Erich Nossacks „Interview mit dem Tode“, die apokalyptische Novelle über den großen Bombenangriff auf Hamburg. Die meisten anderer Romane aus der Zeit des Krieges enthalten die Atmosphäre jener Nächte nur am Rande, als der glutrote Schein der Brände in den gemarterten Städten bis weit hinaus in das friedliche Land vom tausendfachen Sterben und Verderben kündete.

Nun hat sich Gert Ledig an diesem Thema versucht. Sein letztes Buch „Die Stalinorgel“, der unbarmherzige Bericht vom Kampf um die Höhe 318 vor Leningrad, war der bisher stärkste Kriegsroman von deutscher Seite und wird augenblicklich in mehrere Sprachen übersetzt. Leider ist sein zweiter Roman

Gert Ledig: „Vergeltung.“ S. Fischer Verlag, Frankfurt Main, 202 S., 10,80 DM

eine Enttäuschung. Der Autor bedient sich in ihm der von John Dos Passos in „Manhatten Transfer“ bis zur Vollendung entwickelten Mosaiktechnik des epischen Ablaufs. Amerikanische Geschwader bombardieren eine nicht genannte deutsche Stadt. Ein halbes Dutzend Personen wird in ihrem Schicksal, Leiden und Tod in diesem Inferno gezeigt: ein einarmiger Leutnant, der eine Flakbatterie befehligt, die von vierzehn- und fünfzehnjährigen Buben bedient wird; ein älteres Ehepaar, dessen Söhne gefallen sind und die seit Jahren nebeneinanderherleben; ein amerikanischer Sergeant, der aus seinem brennenden Flugzeug abspringt und von den Deutschen erschlagen wird; ein Mann, der vergeblich versucht, sich zum Bahnhof durchzuschlagen, wo seine Frau und das Kind warten; Flakhelfer, die auf einem Hochbunker Dienst tun und eines entsetzlichen Todes sterben, und russische Kriegsgefangene, die der Hunger zu Tieren werden ließ.

Unzweifelhaft hat Gert Ledig sein Buch mit moralischer Absicht geschrieben. „Alles, was ich schreibe, schreibe ich unter dem Gesichtspunkt, daß es vermutlich mein Sohn mit besonderem Interesse lesen wird, und da will ich ihm nichts vormachen.“ Das sagt der Autor selber in einer biographischen Notiz. Aber im Bemühen, das Grauen eines Terrorangriffes auf die wehrlose Zivilbevölkerung möglichst drastisch und vollständig zu zeigen, verläßt er den Rahmen des Glaubwürdigen und Zumutbaren. Werden in den surrealistischen Gemälden der Unterwelt die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens oft überschritten, so werden sie in Gert Ledigs Roman unterschritten. Die positiven und negativen Empfindungen schlagen ineinander um. Mehrmals vergriff sich auch der Autor in unentschuldbarer Weise in der Darstellungsart. Beispielsweise schildert er detailliert, wie ein Mann und ein junges Mädchen in einem Keller verschüttet werden und der Mann das Mädchen dumpf und brutal mißbraucht. Doch auch sonst bewegen sich’seine Menschen mechanisch und stereotyp, wie mit Werg ausgestopfte Puppen. Alles Empfinden ist kollektiv und die Seele dieser Menschen, immer auf der Flucht von der eigenen Mitte weg, verfällt den Kobolden einer rein sinnlichen Prägung.

Der Wortschatz Gert Ledigs ist bis auf ein wahres Existenzminimum vereinfacht und verödet. Vieles von dem, was gesagt wird, ist Bagatellinformation und keine epische Aussage. Vereinzelt gelangen ihm zwar Passagen von erstaunlich realistischer Dichte und Treffsicherheit, indes über weite Strecken reißt der erzählerische Impetus ab. Immer wieder drängt sich der Eindruck auf, als sei die Arbeit längst nicht innerlich verarbeitet und reif zur Veröffentlichung. Sehr peinlich wird die Lektüre, wenn Gert Ledig im Bemühen um eine möglichst ungeschminkte Ausdrucksweise zu kabarettistischen Pointen greift: „Fiel mit ausgebreiteten Händen in den flüssigen Asphalt. Es zischte. Der Teer warf Blasen. Vom Schmerz gepeinigt, wälzte er sich als schwarzer Klumpen in zäher Masse. Er schrie nicht, kämpfte nicht. Seine Bewegungen dirigierte die Hitze ... Er glich keinem Menschen mehr, er glich einem Krebs. Er starb nicht nach einer Todesart, die bereits erfunden war. Er würde gegrillt.“ Feuilletonistische Formulierungen sind nicht die angemessene Darstellungsweise für das sinnlose Sterben von Menschen. Peter Hornung