Paris, im November

Man war auf das neue Bühnenwerk Montherlants gespannt: Vor einem Jahr hatte er anläßlich der Uraufführung seines zehnten Theaterstücks Port-Royal erklärt, daß es sein letztes sei. und er sich von nun an nur mehr seinem posthumen Werk widmen wolle. Nun hat er doch ein neues Stück geschrieben, um, wie er sagt, sich von der "Schwerarbeit" historischer Forschungen zu entspannen.

"Brocéliande." Man erwartete Poesie. – Hier wird sie geboten, und zwar in der Form von Stammbäumen und Wappentieren. "Die Religion und die Genealogie sind die einzigen heute noch bestehenden Formen der Poesie in der europäischen Gesellschaft", sagt im ersten Akt der Gesprächspartner der Hauptperson

Das Stück spielt in dem Wohnzimmer eines ältlichen Bürgerehepaares. Jemand erzählt dem Hausherrn, daß er, Monsieur Persilès, von König Ludwig dem Heiligen von Frankreich abstamme. M. Persilès ist zuerst ungläubig, dann aber strafft sich seine schlappe Haltung. So ist er also nicht der unbedeutende kleine Mann, sondern hat Teil an ehemaliger Größe und Ehre!

Im zweiten Akt spielt Persilès den Nachkommen des Heiligen Ludwig, sehr zum Ärger seiner Gattin; er distanziert sich von ihr, die nicht an seiner hohen Abkunft teilhat. M. Persilès hat auf einmal das, was dem Bürger so bitter abgeht: Gesamtheitsbewußtsein. Unversehens stellt sich eine Identität von Held und Autor ein, man hört; "Ich trage die Bürde des Leidens Frankreichs, die niemand außer mir trägt. In der Mitte jener, die schlafen, und in der Mitte jener, die wachen. Schlaft, denn ihr seid zum Schlafen geschaffen. Lacht, die ihr zum Lachen geboren seid. Ich selbst kann nicht mehr lachen; ich werde es nie mehr können. Und schlafen ... Nachts weckt mich das Unglück Frankreichs. Sein Land lieben, ist ein Zustand, den man nur durch Schmerz erfährt."

Solche Worte rücken die Farce in die Sphäre des Ernstes. Der Zuhörer glaubt sich in das Privatum eines Autors eingelassen, der durch den ersten Weltkrieg geprägt wurde und sich später wohl deshalb jeder Bindung versagte, weil nichts mehr an jenes große Erlebnis heranreichte: die Selbsthingabe an das eigene Land.

Aus dem Ernst wird man wieder durch den Spott geweckt. Madame Persilès sind hohe Gefühle verdächtig. Als sie erfährt, daß fünftausend Personen von Ludwig abstammen, teilt sie ihm das triumphierend mit. Persilès ist erschüttert. Sein Einzigkeitsbewußtsein bricht zusammen. Er erschießt sich.