Auf dem westdeutschen Schleppermarkt ist in diesem Jahr die Hochkonjunktur von 1955 plötzlich und unerwartet umgeschlagen. Die Zahl der Zulassungen von Zugmaschinen – Geräteträger einbegriffen – lag in den ersten acht Monaten dieses Jahres unter der des Vorjahres. In einigen namhaften deutschen Werken sind im Frühsommer Entlassungen erfolgt. Schließlich dürft! auch die vor kurzer Zeit eingetretene Beteiligung eines amerikanischen Unternehmens an einem bekannten deutschen Werk der Landmaschineninaustrie nicht von ungefähr geschehen sein.

Das Überraschende der gegenwärtigen Lage auf dem deutschen Schleppermarkt liegt in den .Zulassungszahlen: In den ersten acht Monaten 1956 sind nur 69 655 Schlepper im Bundesgebiet zugelassen worden, gegenüber 72 152 im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Absatzminderung beträgt also nicht einmal 4 v. H. Aber diese Gegenüberstellung verhüllt mehr, als sie offenbart. Die Schwere des Absatzrückganges wird erst deutlich, wenn die ersten acht Monate dieses Jahres unterteilt werden. Dann zeigt sich, daß in den ersten vier Monaten noch 4284 Schlepper mehr zugelassen wurden als in den gleichen Monaten des Vorjahres. Dagegen wurden in den Monaten Mai bis August 6781 Schlepper weniger zugelassen, als in der gleichen Zeit 1955. Dieser Rückgang beträgt beinahe 20 v. H.

Die Absatzstockung ist also erst im Mai aufgetreten, und zwar nach einer Zeit, die einen Rekordabsatz brachte. Viele Schlepperproduzenten sind deshalb mit großem Optimismus in das Jahr 1956 hineingegangen. Der Geschäftsablauf der ersten vier Monate schien diesen Optimismus auch zu rechtfertigen. Die Schlepperfabriken hatten sich also nicht bloß auf ein Jahr eingestellt, das den Absatz von 1955 erreichen, sondern sogar noch übertreffen würde. Diese Kalkulation war falsch. Aber die Kalkulation ließ sich nicht korrigieren, weil viele Werkteile von Vorlieferanten lange Lieferfristen haben.

Noch heute fällt es schwer, die genauen Ursachen für diese plötzliche Stockung anzugeben. Wahrscheinlich trafen mehrere Faktoren zusammen: Einmal wird der Rückgang des Kaufinteresses auf ein verzögertes Anlaufen des „Grünen Planes“ zurückgeführt. Dann dürfte die Tatsache eine Rolle spielen, daß in den besser situierten landwirtschaftlichen Kreisen ein gewisser Grad der Sättigung mit Schleppern erreicht ist. Die Diskonterhöhungen traten hinzu, und schließlich – als nicht unwichtiges Moment in der Verkaufspsychologie – der total verregnete Sommer mit seinen gedämpften Ernte- und Ertragsaussichten...

Der Konjunkturumschwung scheint auf die Schlepperindustrie so nachhaltig zu wirken, daß mit ganz neuen Situationen auf dem inländischen Schleppermarkt gerechnet werden muß. Wenn auch erwartet wird, daß sich im nächsten Frühjahr die Marktverhältnisse wieder normalisierthaben werden, so dürfte doch damit nicht wieder alles beim alten geblieben sein. Die Absatzstockung hat der Schlepperindustrie gezeigt, daß alle Produzenten im gleichen Boot sitzen und ihnen daher eine engere Zusammenarbeit ratsamer als bisher erscheint. Vielleicht werden auf dem Schleppermarkt schon bald neue Angebotsverhältnisse eintreten.

Den Abnehmern kann der gegenwärtige Zustand – auf den ersten Blick – nur angenehm sein. Der Angebotsdruck hat nicht nur erwartete Preissteigerungen verhindert, er bringt den Abnehmern noch andere Vorteile, etwa den, daß mancher Händler sich bereit findet, einen gebrauchten Schlepper zu überhöhten Preisen in Zahlung zu nehmen. Einige Produzenten sahen sich auch veranlaßt, finanzielle Mittel zur Verbilligung der Ratenzahlung bereitzustellen. Händler verzichten teilweise auf die ihnen zugesicherte volle Provision. Aber diese Vorteile können nicht von Dauer sein, wenn sie an die Substanz von Industrie und Handel gehen. Wenn ein Händler auf einen zu großen Teil seiner Provision verzichten muß, kann das Lagerhaltung und Kundendienst beeinträchtigen.

Das Argument manches Schlepperproduzenten, daß nun erst recht Preiserhöhungen eintreten werden, weil mit der geringeren Produktionszahl die Selbstkosten steigen, vermag den Markt nicht zu überzeugen: Mit erhöhten Preisen läßt sich keine Absatzstockung beheben. Die Schlepperproduzenten müssen also andere Wege finden, um ihre zweifellos gestiegenen Produktionskosten auszugleichen. Wir wollen jedoch vermerken, daß in der Schlepperindustrie immer stärker die Ansicht vertreten wird, eine Preiserhöhung in nächster Zeit sei gar nicht zu umgehen, weil die Lohnerhöhungen seit 1. Oktober nicht verkraftet werden könnten.

Ein neuer Weg zum Ausgleich gestiegener Produktionskosten dürfte zum Beispiel in einer engeren Zusammenarbeit mehrerer Firmen liegen, eine Zusammenarbeit, die für den einzelnen Produzenten sowohl die Konstruktion- als auch die Vertriebskosten verbilligen könnte. Die Möglichkeiten, die in der oft geforderten Typenbereinigung liegen, sollten aber nicht überschätzt werden. Große Firmen sind schon längst dazu übergegangen, die wichtigsten Elemente des Schleppers so zu vereinfachen, daß in allen Typen die gleichen Motorenteile verwendet werden. Der Eindruck des Typenwirrwarrs ist vor allem dadurch entstanden, daß bei uns so viele Schlepperproduzenten am Markt sind. Auf der DLG in Hannover boten mehr als dreißig Firmen Schlepper an. Diese Vielfalt des Angebots wird nun wahrscheinlich in der nächsten Zeit zurückgehen. Die gegenwärtige Krise wird manchen Produzenten zwingen, sich mit einem anderen Werk zusammenzutun oder aber ganz vom Markt abzutreten. Eine solche Auslese wird für den Betroffenen immer schmerzlich sein, aber sie gehört nun einmal zur Marktwirtschaft. Die Möglichkeiten des Schleppermarktes sind ohnehin nicht mehr so groß, daß ohne eine Konzentrierung des Angebots auszukommen wäre. Völlig verfehlt wäre es, wenn die öffentliche Hand eine solche Bereinigung unter den Schlepperproduzenten ähnlich behindern würde, wie vor einigen Jahren. Damals manche schwache Firma mit der Begründung gestützt worden, dies sei aus arbeitsmarktpolitischen und sozialen Gründen erforderlich. Heute müßte es als völlig unberechtigt zurückgewiesen werden, wenn die öffentliche Hand mit diesen Argumenten wieder eingreifen und eine Auslese künstlich verhindern würde. -td