Nur 38 Jahre hat Wilhelm Lehmbruck gelebt; nur fünfzehn davon gehören seinem Werk. In dieser Zeitspanne vollbrachte er nicht nur eine bildnerische Schöpfung wie die „Stehende“ (weibliche Figur 1910) von schöner fraulicher Kraft, noch ganz im Stile Maillols, sondern er vollzog, kaum ein Jahr später, 1911, mit der „Knienden“ den Durchbruch zu dem völlig persönlichen Stil. Mit diesem Wunder so rascher Vollendung und einer fast jähen Persönlichkeitsgestaltung glückte ihm in einem Meistergriff das kraftvolle Bewußtwerden der eigenen Form und eines eigenen Ausdruckswillens als auch der Durchbruch der deutschen Plastik zur Moderne.

Die Gedächtnisausstellung im Kunsthaus Zürich zur 75. Wiederkehr seines Geburtstages, die Plastiken, Bilder, Zeichnungen umfaßt, überwältigt vor allem durch zwei Attribute, die gemeinsam nur selten bei einem Künstler und bei einem Kunstwerk hervortreten: Klarheit und Kühnheit. Meist ist Klarheit mit klassizistischer Ruhe und Kühnheit mit einem noch unsicheren Vorwärtsdrängen verbunden; aber wer beim Eintreten in die Räume dieser Ausstellung gleichzeitig die edle „Stehende“, die wie das weibliche Element selbst in lieblicher Ruhe dasteht und die „Kniende“ in ihrer hoheitsvollen Demut, der fast erschreckenden Lieblichkeit ihrer Gestalt und ihrer Gebärde, schaut, muß bekennen, daß in Wilhelm Lehmbruck ein einmaliges europäisches Genie Vollendung und Ausbruch aus seiner Vollendung in bestürzend raschem Ablauf zweier Jahre gefunden hat. Eben möchten wir uns noch am naturhaft Anmutigen der Plastiken von 1910 erfreuen, uns der fast sakralen Ergebenheit der „Knienden“ überantworten, uns mit Lehmbruck gemeinsam noch einmal 1913/14 in die natürliche Freude an menschlicher Gestalt oder am listiglustigen Kopf einer alten Dame mit spitzer Nase, spitzem Kinn ins Heitere zurückflüchten, uns an dem „Mädchentorso sich umwendend“ für einen Gnadenmoment erholen –, da steht vor uns überlebensgroß, aufgereckt zu den Sternen, den Boden noch beschreitend, doch schon im Verlassen – die Bronze des „Emporsteigenden Jünglings“, 1913. Auf überhohen Schenkeln erhebt er sich einsam und nachdenklich, Bruder der „Knienden“. Freund aller „Sinnenden“, die dem Leben mit Stolz und Demut begegnen – aber indem wir seinen steilen Aufstieg bewundern, berührt uns schon die schwere Ahnung einer herannahenden Katastrophe, die sich im letzten Saal erbarmungslos enthüllt: hier ist der Jüngling niedergestürzt, sein Kopf, der die Erde berührt, und seine Knie, auf die er mit lang ausgestreckten Beinen niedergebrochen ist, bilden eine Brücke der Verzweiflung. Der Krieg, aus dem heraus und in dem 1915/16 dieses Bildwerk für ein Gefallenendenkmal entstand, war mit vernichtender Raserei nicht nur über eine gemütvoll-verharrende und vom Fortschrittsglauben hochmütig gewordene Menschheit vernichtend herabgebrochen, er hatte auch unter den Genies wie ein knabenmordender Herodes gewütet. Was nützt noch der „Kopf eines Denkers“ (1918) mit überhoher gewölbten Stirn, der enttäuscht über das von ihm Gedachte das Antlitz schmerzvoll neigt, was bedeutet noch (1918) der Sitzende Jüngling, der mit gebeugtem Kopf, gespreizten Knien, die Ellbogen breit auf die Oberschenkel gestützt, über das Unheil der vergangenen Jahre ergebnislos zu grübeln scheint: die Jünglinge Europas sind mit dem Gestürzten Jüngling gefallen und den Frauen, die Lehmbruck während seiner kurzen Schaffenszeit in schöner Körperlichkeit und beseelter Anmut immer von neuem zu überzeitlichem Dasein in seinen Skulpturen berief, erscheinen nur noch in der von Verzweiflung erstarrten „Betenden“ (einer Büste), die steil ihre Hände erhebt, den Kopf in den Nacken legt und mit dieser Gebärde Gott nicht mehr ihren Schmerz klagt, das Höhere auch nicht mehr anklagt, sondern nur noch den Tod berichtet.

Wir müssen uns an die Schrecknisse des zweiten Weltkrieges und eigener gräßlicher Erlebnisse erinnern, um den aufgeschreckten Hilfeschrei, der aus dem „Weiblichen Torso“ 19 18 zu brechen scheint, mitfühlen zu können, und wir werden zu schaurigem Gedenken zurückgeführt vor dem Bild „Flüchtende“: eine Mutter flieht mit dem Säugling in ihren Armen, schützend und liebend neigt sie ihr Haupt über ihn – den Untergang durchschreitend.

Wilhelm Lehmbruck nahm sich selbst das Leber. Er meisterte sein Schicksal – davon zeugt sein Werk –, aber er stürzte hin wie der Gefallen; Jüngling vor der unerbittlichen, ihm sinnlos erscheinenden Tragödie der menschlichen Existenz. Nie mehr wird ein Künstler die Unschuld finden, wie sie Lehmbruck 1910 besaß.

Unser Jahrhundert, von Kriegen durchtobt, wird die Unschuld des reinen Daseins nicht mehr finden Wissen und böse Erfahrung machen steril und führen zur Verhöhnung des Natürlichen. Deshalb spüren wir in Lehmbruck, der in Zürich und Paris wesentliche Impulse für seine Arbeit empfing, sich aber im härteren, kompromißloseren Berlin selbst tötete, einen der letzten genialen jungen Männer unserer Zeitwende und Europas. Ilse Langner