Die DOB – gesprochen dopp und Abkürzung für Damenoberbekleidung – ist ein hausbackener und wenig anziehender Name für diese schmückende, der Schönheit dienende und machtvolle Industrie „ohne Fabriken, ohne Schornsteine und ohne Gleisanschluß“, wie sie der bewegliche und Optimismus ausstrahlende Vorsitzende der Berliner DOB, Heinz Mohr, nennt. Sie steht heute in Berlin mit ihren Produkten hinter der Elektroindustrie wieder an zweiter Stelle aller Erzeugnisse, die von dort in die Bundesrepublik und in die Welt gehen. Der Umsatz betrug 750 Mill. DM im Jahre 1955, das sind jetzt wieder 60v. H. des DOB-Umsatzes der gesamten Bundesrepublik. 80 v. H. der gesamten DOB-Erzeugnisse des Reiches waren es zu jener Glanzzeit der Berliner Konfektion, als 500 Firmen rund um den Hausvogteiplatz nicht nur das Inland, sondern Amerika, Skandinavien und viele andere Länder der Welt mit Berliner Chic belieferten, Kleidern, Blusen, Mänteln, die als tragbar, elegant und gut verarbeitet besonderen Ruf genossen. – Denn jene Zahl von Frauen, die die Haut Couture in Paris anzog, war schon immer klein, und heute wird immer wieder die Frage gestellt: „Für wen arbeiten die Pariser Couturiers eigentlich?“ Die Gesellschaft hat heute keine stilbildende Kraft. In der Öffentlichkeit erscheinen noch ein paar Königinnen und ihre exklusive Umgebung, einige Aristokratinnen, die sich um abgedankte Monarchen scharen, und ihre eifrigen Nachahmerinnen, die Filmstars, in Modellkleidern von Dior, Balenciaga, Balmain. Sie werden in Bildern von ein paar mondänen Gesellschaftsheften geschildert. Weit häufiger aber sieht man die Produkte für eine imaginäre Gesellschaft an Mannequins und Schönheitsköniginnen, die sie aus Reklamegründen tragen.

Aber dennoch gelangen die modischen Einfälle der Pariser Couturiers zu jeder Frau. Was auch andere Staaten, zum Beispiel Amerika und Italien, versucht und an Geld investiert haben, um eine eigenständige Mode zu kreieren, es gelang nicht, und in jedem Frühjahr und Herbst nehmen sie begierig die neuen Anregungen der Pariser auf. Stellte man sich vor, es gäbe plötzlich die Pariser Haute Couture nicht mehr, so würde – nicht sofort, aber nach einiger Zeit – das Bild in den Straßen und Häusern in der ganzen Welt eintöniger, langweiliger, grauer, hausbackener. Die Mode verlöre ihren Sinn, den Reiz des Neuen, Überraschenden, Ungesehenen. Mag man die Franzosen heute auch viel kritisieren, sie machen, gestützt auf eine nun schon jahrhundertelange Tradition, die Frauen’schöner, graziöser, verspielter, liebenswerter – und das ist viel. Christian Dior hat nach den Zeiten der Entbehrung und des härtesten Einsatzes der Frauen mit dem New Look wieder das sehr weibliche Bild der Frau geschaffen, er und ein kleiner Kreis von Couturiers haben in der neuen Stilwandlung der folgenden Nachkriegsjahre die Länge der Röcke, das Prinzeßkleid in neuer Form, das futteralenge Etuikleid, Tunikakleider (Balenciaga) und neuerdings wieder Capes und rustikale „Holländerröcke“ in neuer Länge, sie haben neue Stoffe und Farben lanciert, sie wagten zuerst wieder das große Dekolleté zu zeigen, und verkleinerten es wieder, nachdem die Nachahmungen überall zu üppig und ausschweifend geworden waren. Die anregende Pariser Atmosphäre, das erotische Flair dieser Stadt ist der Phantasie besonders günstig, aus der die modischen Einfälle geboren werden. Auf Umwegen, über die Konfektion und die Handwerker aller Länder gehen die kapriziösen revolutionären Ideen gebändigt und besänftigt, wie der Franzose sagt, „unter die Menge“.

Auf der 27. „Durchreise“ nach dem Kriege in Berlin in diesen Tagen konnte man in den Modellhäusern der Berliner Konfektion, in jenen farblosen, scheinwerferbestrahlten, modisch prunkenden Salons wie in Paris, sehen, was aus den Launen der Erfinder geworden ist, wie weit dieFormen, dieFarben, die Stoffe übernommen und in tragbarere, zweckmäßigere Kleidung verwandelt wurde, die in unsere Umwelt passen, in unsere Wohnungen, unser Klima. Auch ein paar kühne, untragbare Modelle werden übernommen in diesen ersten Häusern Berlins, zu denen heute Staebe-Seger, Gehringer und Glupp, Schröder & Eggeringhaus (S & E), Schwichtenberg, Horn, Schwabe, und im zweiten Rang die Häuser Hans W. Claussen, Fredeking, Zaduck, Oestergaard, Lindenstaedt und Breittschneider gehören – abgesehen von den „Handwerkern“ mit eigenem Atelier, die Modellkleider für Privatkunden arbeiten, wie G. Brosda, im Hause Sinaida Rudow. Man bewunderte reich bestickte und mit Perlen und Steinen besetzte Abendmäntel aus glänzender Seide, die kaum verkäuflich, vielmehr Schaustücke sind. Ebenso manche raffiniert verarbeiteten kostbaren Spitzenkleider, die das besondere, nein, einmalige Können der Berliner Modeindustrie vorweisen, die heute 45 000 bis 50 000 Menschen beschäftigt. In einem besonderen, spezifisch berlinischen Verlagssystem, in dem die einzelnen Konfektionshäuser nur etwa 20 bis 30 v. H. der modischen Erzeugnisse in Eigenfabrikation herstellen und 70 bis 80 v. H. an Zwischenmeister vergeben, können sie sich auf eben diese begabten, in einer alten Tradition ruhenden, tüchtigen Zwischenmeister, die Zutatenindustrie (Stoffe, Garn, Knöpfe, Versteifungen) und ein Heer von Näherinnen und Stickerinnen stützen, die den oft zitierten „Berliner Chic“ in den Händen haben. So wird nicht, wie hauptsächlich in Westdeutschland, in Gruppen- und Fließbandarbeit sogenannte Stapelware und Standardkleidung hergestellt. Die Berliner Abwandlungen der internationalen Stilrichtungen haben mehr Instinktsicherheit und modischen Charme, sie zeigen mehr individuelle Arbeit. Das gilt nicht nur für die Modellhäuser, sondern auch für das sogenannte Mittel- und Verkaufsgenre, obwohl mit den Preisen nicht nur die Qualität, sondern beträchtlich auch der Geschmack sinkt. Heinz Mohr sagt: „Die Zwischenmeister sind das Geheimnis unserer Branche.“ Er meint, ohne sie gäbe es nicht den Erfolg und hätte die Berliner Mode nicht ihren besonderen Namen.

Daß man noch heute die große Winter- und Sommer-Musterung der Kollektionen (und zwei Nachmusterungen) in Berlin als „Durchreise“ bezeichnet, ist für die Tradition dieser Industrie charakteristisch. Als Berlin, Hauptstadt und Zentrum des Reiches, um 1900 auch deutsches Zentrum der im Jahre 1837 durch jüdische Handwerker aus dem Osten gegründeten Schneiderkunst um den Hausvogteiplatz wurde, kamen zweimal im Jahr von Königsberg und Köln, von Nord- und Süddeutschland auf ihrem Wege zu den Stoffeinkaufszentrum Sachsen die Modevertreter durch Berlin. Sie hielten alle auf der Durchreise an, um bei den Berliner Konfektionären einzukaufen.

Heute ist die „Durchreise“ wieder internationaler Treffpunkt der Hersteller und Einzelhändler. Aus dem Ausland – von Amerika bis Indien – kommen aber heute nicht nur die Einkäufer, sondern auch die Verkäufer der – nun, es muß wieder das schreckliche Wort für ein so anmutiges Gewerbe fallen – also, der Damenoberbekleidung des Auslandes, obwohl draußen ein so einheitlicher und schwerfälliger Begriff dafür nicht gebräuchlich ist. Besonders die Schweiz hat mächtig an Boden gewonnen, während Berliner Firmen heute nicht nur im Westen ansässig sind, sondern durch den Auszug der Emigranten neue Zentren in Schweden und Amerika bildeten, die der Berliner Konfektion scharfe Konkurrenz machen. Erst am Ende der Blockade 1950 haben die Berliner überhaupt starten können. Inzwischen war in Düsseldorf die Igedo (Interessengemeinschaft der DOB) gegründet worden, an deren Musterungsschauen in Düsseldorf die Berliner Firmen nun auch ständig teilnehmen müssen. Ihre Termine werden dadurch immer früher, denn die Berliner Firmen legen Wert darauf, daß ihre „Durchreise“ vor Düsseldorf stattfindet. So begannen die Vorführungen der Frühjahrs- und Sommermodelle diesmal schon Anfang November zu einem durch die politischen Ereignisse ungünstigen Zeitpunkt. Zwar nicht die Verkäufer, aber die Einkäufer aus dem Ausland blieben wegen der unsicheren Lage im allgemeinen und der Berliner im besonderen zum großen Teil aus. Überdies ist bei einem so frühen Start das Wagnis besonders groß, daß durch eine plötzliche Revolution des Stiles durch die Haute Couture in Paris, die Ende Januar mit ihren Neuigkeiten herauskommt, die ruhig weiterentwickelten Ideen der letzten und vorletzten Saison überholt sind, noch ehe die Ware verkauft werden konnte. Aber es gab bei der diesjährigen November-Durchreise Firmen, die 200 Prozent der Aufträge des Vorjahres verbuchen konnten.

Dem glücklicherweise allgemeinen Modetrend zu einer „Rehabilitierung des guten Geschmacks“ kamen die auf der 27. „Durchreise“ gezeigten Kollektionen für Frühjahr und Sommer mit geschickter Hand und einem feinen Sinn für Eleganz und Einfachheit und Raffinesse des Schnitts nach. Das Prinzeßkleid mit Empire-Effekten, das futteralenge Etuikleid und das praktische Hemdblusenkleid waren noch immer in allen Varianten vorhanden. Außerdem das „überkandidelte“ (so der Berliner Jargon) Kostüm mit kurzer und sehr kurzer Jacke (das klassische Schneiderkostüm englischen Stils ist endgültig „passé“), Tunikakleider (nach Balenciaga), Capes und capeartige Mäntel. Aus Leder sind nicht nur sehr weiche Gürtel und Jacken, sondern auch pastellfarbene kleine Blusen. Beige und naturfarbene Töne haben die Berliner, wie in Paris im letzten Frühjahr und auch für den Winter vorgeschlagen, übernommen, außerdem sehr differenzierte grüne Schattierungen von Pernod bis zum durchsichtigen Gelb. Sehr viel bedruckte, vielfarbige reine Seidenstoffe und immer noch Baumwolle. Besonders in den Zusammenstellungen von Farben zeigen die deutschen Modehäuser neuerdings, angeregt besonders durch Italien, immer mehr kultivierten Geschmack, der es den Frauen leicht macht, nachzueifern. Bestürzend neu waren allein die Hüte für das Frühjahr.

Wenn erst die neuen DOB-Gebäude am Zoo fertig sind – so sagen die Berliner DOB-Männer – wird die Bedeutung der Berliner Modeindustrie auch äußerlich sichtbar sein und weiter an Boden gewinnen. Es wird leichter für die Einkäufer sein, die heute noch in allen möglichen Winkeln der Stadt hausenden 350 dazugehörigen Firmen zu besuchen. Anfang Dezember werden die ersten Firmen in den gewaltigen Komplex, der sich an der Hardenbergstraße bis zum Beginn der Budapester Straße entlangzieht (zwei Hochhäuser von sechzehn und neun Stockwerken und ein Langbau mit einer 175-Meter-Front) einziehen. Den Auftraggebern entsprechend ist die Architektur leider etwas „modisch“ geraten, geplant nicht nur als ein neues Zuhause der einst am Hausvogteiplatz ansässigen Modefirmen. Mit den Boutique-Läden unter den langen Kolonnaden, mit drei Restaurants, einem Café, einem Kabarett, großen Parkräumen und dem großen neuen Hilton-Hotel „um die Ecke“ soll es ein neues quirlendes Geschäfts- und Vergnügungszentrum werden, wie es einst der Potsdamer Platz war. Der Vorsitzende der Berliner DOB allerdings hätte es lieber an der Kochstraße näher dem Sowjetsektor gesehen, da man eines Tages mit dem Zuwachs der Ostberliner Konfektion rechnet, die mit ihrer beträchtlichen Anzahl ebenfalls eingearbeiteter und geschickter Berliner Fachkräfte die Durchschlagskraft der Berliner Modeindustrie erhöhen könnte. Dann hätte man besser für die Zukunft gebaut, wodurch sich so viele andere Pläne des besonnenen Berliner Wiederaufbaues auszeichnen.

Zu den Plänen, die die Berliner Bekleidungsindustrie schneller und leichter verwirklichen kann, gehört nach dem gelungenen Ausflug der führenden Häuser im Frühjahr 1956 nach Skandinavien eine Schau Berliner Schneiderarbeit im nächsten Jahr in London. Die Berliner wollen zwar nicht die Londoner anziehen, sondern die große Zahl der Konfektionäre aus Übersee ansprechen, die schon aus sprachlichen Gründen sich alljährlich nach London hingezogen fühlen und, wenigstens vorläufig, den Weg nach Berlin noch nicht finden werden. Warum soll man ihnen nicht entgegenkommen, sagt die Berliner DOB. E. v. M.