Paul Sethes „Zwischen Bonn und Moskau“

Nichts ist für die politische Situation Westdeutschlands bezeichnender, als daß es Binsenwahrheiten gibt, die zugleich Tabus sind. Das jedenfalls ist das Gefühl, mit dem ein aufmerksamer, unvoreingenommener Leser das Buch Paul Sethes

„Zwischen Bonn und Moskau“. Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt a. Main; 173 S., 8,80 DM,

aus der Hand legen wird. Paul Sethe, bis vor einem Jahr Leitartikler der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und nach seinem vielkommentierten Ausscheiden aus der Redaktion dieses Blattes Leiter des politischen Ressorts der Hamburger „Welt“, schreibt sich in dem genannten Buch offenbar vieles vom Herzen, was in seinen Leitartikeln zwischen den Zeilen hängengeblieben ist. In einem Buch kann man heute offenbar mehr sagen als in einer Tageszeitung (vielleicht, weil Bücher in der Regel von weniger Menschen gelesen werden); aber Sethes Buch verdient, von vielen gelesen zu werden. Den einen wird es bei der Lektüre dieses Leidensweges der deutschen Wiedervereinigung von 1945 bis 1956 wie Schuppen von den Augen fallen, sie werden, wie der Schusterjunge in Andersens Märchen, rufen: „Der Kaiser ist ja nackt!“ Die anderen werden Anstoß nehmen und „Skandal!“ rufen. Totzuschweigen wird das Buch Sethes nicht so leicht sein, denn inzwischen ist der Autor mit seinen Thesen auf die Straße (vielmehr auf die Rednertribüne) gegangen und hat kleinere und größere Kreise von Zuhörern (der bisher größte war vergangene Woche auf Einladung des „Kuratoriums Unteilbares Deutschland“ im Winterhuder Fährhaus in Hamburg versammelt) zu überzeugen versucht, daß die Wiedervereinigung „allein Sache der Deutschen ist“ und daß niemand den Deutschen diese Aufgabe abnehmen werde. Eine Binsenwahrheit – gewiß; aber auch ein Tabu; denn ein deutscher „Alleingang“ riecht nach „Rapallo“, nach „Neutralismus“.

Sethe schildert das Tauziehen um Deutschland seit 1945, bei dem es, wie er sagt, gar nicht um die Wiedervereinigung ging, sondern darum, Deutschland (ganz oder geteilt) in den westlichen oder östlichen Machtbereich einzufügen. „Die fremden Völker“, schreibt er auf Seite 18, „beurteilen die deutsche Einheit kaltblütig nach ihren Auffassungen von ihrer eigenen Staatsräson. So, wie Staaten nun einmal sind, ist es sinnlos, sie deshalb moralisch anzuklagen.“

Aus diesem Satz spricht die Einsicht, daß in der jetzigen deutschen Einstellung zur Wiedervereinigungsfrage eine doppelte Gefahr schlummert. Einmal die Gefahr des falschen Weges – über sie kann man streiten, denn daß der andere, von Sethe empfohlene Weg der Verhandlungen mit Moskau und des Eingehens auf die sowjetischen Wiedervereinigungsvorschläge zum Ziel geführt hätte oder zum Ziel führen wird, läßt sich natürlich nicht beweisen. Zum anderen die Gefahr eines allzu plötzlichen deutschen Erwachens aus dem Schlummer der Tabus und der Illusionen. Über sie kann man nicht streiten; denn nichts wäre fataler als eine neue „Deutschland-Erwache“-Mentalität, gewachsen auf dem Boden einer allgemeinen affektgeladenen Enttäuschung über das „Versagen“ oder gar den „Verrat“ der Alliierten in der deutschen Wiedervereinigungsfrage. Wenn es einmal soweit ist, wird es schwer sein, Vernunft zu predigen. Deshalb empfiehlt Sethe schon heute, nüchtern festzustellen, daß „alle Völker, die Bundesrepblik natürlich nicht ausgenommen, in erster Linie dem Gesetz ihrer Interessen, ihrer Staatsräson, Ihres nationalen Egoismus folgen“.

Wie stark entwickelt, wie intakt dieser nationale Egoismus auch heute noch ist, haben England und Frankreich soeben in Ägypten bewiesen. DieSttatsräson (oder das, was Eden und Moller dafür halten), zerriß Verpflichtungen, die viel heiliger, viel bindender waren als die Verpflichtungl, Deutschlandwiederzuvereinigen; und diese Seite des anglofranzösischen Suez-Abenteuers wird nicht ohne Einfluß auf die deutsche Außenpolitik bleiben. Eine Überprüfung dieser Außenpolitik wird notwendig werden, wie „schmerzlich“ sie sein wird, hängt davon ab, wieweit es gelingt, die Komplexe unseres politischen Bewußtseins und Unterbewußtseins, vor allem den Rapallo-Komplex, aufzulösen chne neue Komplexe und Effekte zu schaffen und chne Deutschlands Verhältnis zu den Westmächten aufs Spiel zu setzen.

Betrachtet man die Dinge im hellen, wenn such kalten Licht der Staatsräson – auch der sowjetisehen, denn auch mit dieser muß man sich vertiaut machen, um den Preis für die Wiedervereinigung zu erfahren – wie Paul Sethe es tut –, dann kann eigentlich nichts passieren. Dann kann auch die Bonner Staatsräson es zulassen, daß aus Tabus Binsenwahrheiten werden. Gösta von Uexküll