Jede Nachricht über den Fortgang der Auseinandersetzungen im arabischen Raum und in Ungarn wird an den westdeutschen Wertpapiermärkten sorgfältig registriert und findet ihren Niederschlag in den Kursen der Hauptaktienwerte. Immer noch wird die Tendenz weniger durch die Masse der inländischen Kapitalanleger als durch die ausländische Spekulation bestimmt, die vorwiegend als Abgeber auftritt. Zwar hat der von dieser Seite kommende Druck in den letzten Tagen etwas nachgelassen, aber angesichts der Zurückhaltung des inländischen Publikums genügen bereits kleine Beträge, um ein spürbares Nachgeben der Kurse hervorzurufen. Die Reserve inländischer Kapitalanleger hat nur teilweise politische Gründe. Es muß vielmehr berücksichtigt werden, daß die öffentlichen Versicherungsanstalten in ihren Anlagedispositionen durch die kommende Rentenreform gehemmt sind und sich die anderen großen Kapitalsammelstellen durch die Kreditwünsche vieler Stellen bedrängt sehen, die Konditionen einzuräumen gewillt sind (bis 9,5 v. H. Nettorendite), mit denen keine Wertpapieremission konkurrieren kann. Bei der Beurteilung der jetzigen geringen Anlagetätigkeit dürfen ferner nicht der Steuertermin am 10. Dezember und der saisonal hohe Geldbedarf für das Weihnachtsgeschäft übersehen werden.

In Börsenkreisen wird betont, daß vielerorts das niedrige Kursniveau im Hinblick auf die Vermögenssteuerveranlagung am Jahresultimo nicht einmal ungern gesehen wird. Natürlich soll man das Gewicht derartiger Überlegungen nicht überschätzen, aber die Summe der Fakten, die einer Geschäftsbelebung entgegenstehen, bleibt natürlich nicht ohne Einfluß. Noch nicht übersehbar ist, wie das Publikum auf die zwangsläufig eintretenden Preiserhöhungen reagieren wird. Die ständigen Abgaben auf den festverzinslichen Märkten könnten unter Umständen die Anzeichen für ein „comeback“ des Substanzdenkens sein, von dem die Börse sich im letzten Jahr erfreulicherweise weit entfernt hatte.

Die ehemals stolzen Kurse der neuen achtprozentigen Industrieanleihen, die zu ihrer besten Zeit etwa bei 102 v. H. (Ausgabekurs 98 v. H.) lagen, haben infolge der Rückflüsse aus dem Ausland einem Umschwung weichen müssen. Die Bewertungen liegen zwar mit 98 3/4 bis 100 1/4 v. H. noch über dem Emissionskurs, doch sehr groß ist der Spielraum nicht mehr. Auch viele Kleinanleger müssen sich von den Papieren trennen, weil ihre Hoffnungen, die achtprozentigen Industrieanleihen würden steuerbegünstigt mit dreijähriger Sperrfrist zu sparen sein, nicht in Erfüllung gegangen sind. Unter Kursdruck lagen ferner die alten Industrieobligationen, die Pfandbriefe sowie die Auslandsbonds, während die kurzfristigen steuerfreien Länderanleihen im allgemeinen behauptet waren. Der mangelhafte Absatz der aufliegenden 7,5prozentigen Hamburger Staats-Anleihe hat allen denen Recht gegeben, die von vornherein vor Länderemissionen gewarnt hatten. Der Zeichnungsverlauf bei der Hamburger Anleihe hat die Banken veranlaßt, gegen neue Länderanleihen zu plädieren; deshalb blieb die Emission von Rheinland – Pfalz weiterhin zurückgestellt.

Die Aktiennotierungen liegen jetzt wieder an der in diesem Jahr bislang erreichten unteren Grenze, von der die IG-Farben-Nachfolger gegenwärtig noch etwa zwei.-bis drei Punkte entfernt sind. Bei Cassella kam es vorübergehend wieder zu Aufkäufen, durch die der Kurs um etwa 15 Punkte heraufgesetzt werden mußte. Dennoch blieben die Umsätze gering. Durch derartige Aktionen soll offensichtlich der Anteil der noch verbliebenen freien Aktionäre verkleinert werden. Gerüchtweise verhütete, daß die großen IG-Farben-Nachfolgegesellschaften, die bereits einen erheblichen Teil des Cassella-AK in Händen haben, zu gegebener Zeit das Unternehmen it eine GmbH umwandeln wollen. Schering litten in der abgelaufenen Woche unter Ausländerabgaben. Auf der ermäßigten Kursbasis waren jedoch potente Käufer im Markt, so daß ein eigentlicher Kursverfall verhindert wurde.

Bei Daimler war ebenfalls ein größerer Posten im Markt, der zunächst einen Kurseinbruch von 295 auf 283 verursachte. Aber auch hier fanden sich sofort Interessenten, die bereit waren; jeden Betrag aufzunehmen. Zu einer uneinheitlichen Bewegung kam es bei den Papieren mit deutschen Erdölinteressen. Mit längerer Sperrung des Suez-Kanals ergeben sich für die ausländischen Konzerne in der Bundesrepublik Kostenverteuerungen, mit denen die deutsches Erdöl fördernden Unternehmen nicht zu rechnen haben. Diese Positionsverbesserung schlug sich zeitweise in den Börsenkursen nieder, die im Gegensatz zu den anderen Montanwerten gut behauptet waren. Kaum schwächer waren übrigens auch Klöckner, wo der Abschluß für 1955/56 eine gewiss: Anregung bieten konnte und die Aussicht auf ein genehmigtes Kapital zur Stabilität des Kurses beitrug, überdurchschnittlich abgeschwächt lagen dagegen Mannesmann (166–161 1/2).

Am Bankenmarkt gab es nur wenige Veränderungen. Schwankungen verzeichneten wieder die Commerz- u. Disconto Bank und die Commerz- u. Credit Bank. Ein vertraulicher Informationsdienst wollte von wieder aufgenommenen Positionskäufen des großen Düsseldorfer Schwesterinstituts wissen. Meinungskäufe hingegen wurden in Kühlhauswerten vorgenommen. Hier spielen Hoffnungen auf eine bessere Belegung der Kühlhäuser eine Rolle, die sich aus einer verstärkten Vorratshaltung ergeben wird. Soweit die finanziellen Mittel vorhanden sind, bemühen sich Handels- und Industriekreise, ihre Lager zu vervollständigen, Staatliche Maßnahmen in dieser Richtung werden erwartet. Die Aktien von Markt- & Kühlhallen zogen in der vergangenen Woche von 102 auf 110 1/2 v. H. an. -ndt