Am 15. November sprach der Dichter Rudolf Hagelstange in der Gedenkstunde für die ungarischen Intellektuellen, die vom Kongreß für die Freiheit der Kultur in der Universität Hamburg veranstaltet wurde. Seiner sehr eindrucksvollen Rede entnehmen wir die folgenden Auszüge:

Wenn in dieser Depression der Niederlage, des triumphierenden Unrechtes, der Vergewaltigung und des Verlustes ein Körnchen Gewinn gefunden werden kann, so wäre es die stärkende Einsicht, daß auch der unter Apparaturen, Drohung und Furcht seufzende Mensch des 20. Jahrhunderts noch nicht besiegt ist. Ich ehre die großen, Faulkner widersprechenden, resignierenden Skeptiker der westlichen Welt. Aber ich rufe Ihnen, meine jungen Zuhörer, zu: Ehrt sie – aber glaubt ihnen nicht! Das Alter kann weise machen; aber es steht doch auch schon im Schatten des Todes, der uns alle besiegt. Es vergleicht Gewesenes mit dem Seienden, und noch selten erschien einem alternden Menschen die neue Zeit besser, als die sogenannte gute alte Zeit. Wenn aber alles Menschliche auf dieser Erde vielleicht noch nie so bedroht und in Frage gestellt war, wie in unserer Zeit, so haben wir zu begreifen, daß solche Fragestellung nicht durch Resignation oder achselzuckendes Schweigen beantwortet werden kann, sondern daß sie vernehmbare Antwort erfordert, Widerspruch, Widerstand und Gegenaktion. Der todesmutige Kampf vor allem der ungarischen Jugend war nicht nur Widerspruch und Widerstand gegen die Anbeter der Gewalt – er war ebenso Widerspruch und Widerstand gegen die Nachbeter der „klugen“, jedes Opfer scheuenden Resignation.

Wie oft hören wir, seitdem eine nimmersatte Konjunktur die Hirne und Herzen verfetten ließ, das verlegene (wenn nicht verlogene) Gerede von denen, die ihre Mund-Ideale bis zur Inflation verbraucht haben: Wir müssen unserer Jugend neue Ideale geben, wir müssen der Ideologie des Ostens eine Ideologie des Westens entgegenstellen – und was dergleichen Reden mehr sein mögen. – Ein beklagenswertes Mißverständnis der eigenen Unsicherheit! Die Welt ist Jahrtausende ohne Ideologie ausgekommen. Und wenn wir eine bescheidene Dosis Mut, Selbstvertrauen, Glauben und ein paar Ideale haben und sie zu leben wagen, so können wir getrost darauf antworten: Bleibt uns vom Leibe und von der Seele mit euren Ideologien! Die jungen Ungarn waren so voll, so übersatt von Ideologie, daß sie sie mit einem tödlichen Blutsturz erbrochen haben. Und dies doch: weil sie ein Ideal hatten, nach dem sie hungerten und sich verzehrten, das Ideal dieser jämmerlichen westlerischen Ideologen, für das sie kämpften und starben – und wir konnten, durften ihnen nicht helfen, weil selbstherrliche Politiker eines überlebten Stiles es über Wasser und Öl vergessen hatten...

Daß dies möglich war, ist nicht allein mit politischer Stümperhaftigkeit, mit mißverstandenem Schneid zu erklären. Mr. Eden glaubte vielleicht, er könnte an einem kleinen Diktator billig ein Exempel statuieren, das einstens Mr. Chamberlain an einem schon zu großen (in München) versäumte; und daß ein französischer Sozialist ihm dabei assistierte, macht dieses Mißverständnis nur noch tragischer und verwirrender.

Die von Hamsterkäufern erschöpften Ladeninhaber und Angestellten mögen ihr Ladenschlußgesetz haben, die Arbeiter ihre 40-Stunden-Woche, die Beamten des Dritten Reiches ihre Pension. Aber – alle solche Regelungen und Gesetze sind luxuriöse Verzierungen, solange noch ein Ostzonenflüchtling in sein Gefängnis zurückkehren muß, weil ihn. die Gleichgültigkeit überfressener Bundesrepublikaner dorthin zurücktreibt. Solange noch viele Tausende von Flüchtlingen in unwürdigsten Wohnverhältnissen dahinvegetieren. Solange Regierungsbauten, Fabriken, Verwaltungssitze, Wochenendhäuser und Kasernen aus der Erde wachsen, während es an Schulen fehlt und man zögernd an zertrümmerten Universitäten herumbastelt. Solange die Opfer einer rasch vergessenen irrigen Vergangenheit noch um ihr billiges Recht „anstehen“ müssen.

Was ich mit diesen ungenügenden Hinweisen sagen möchte, ist dies: Wir brauchen, um zu erhalten, was uns am teuersten ist, ein gutes Gewissen, ein besseres als wir haben können. Und wir brauchen es, um anderen zu dem zu verhelfen, wonach sie sich verzehren. Sicher gibt es bei uns schon wieder manches Brot, das schimmelig wird in den Brotkästen – und nicht nur das, von dem wir unseren Leib sättigen. Aber wenn von dem, was wir haben, nun etwas überfließt, um die beispiellose Not eines ausgemergelten, niedergeknüppelten Volkes zu lindern – was kann dies anderes sein in Wahrheit als eine geringe, kärgliche Buße für ein langwährendes, fahrlässiges Versäumnis, das nun den Ärmeren, Schwächeren ein Blutopfer bringen ließ, das die Welt beschämt.