Die UNO wird stärker, die NATO verblaßt

Washington, im November

Die amerikanische Außenpolitik muß in eine Form umgegossen werden, die sich völlig von derjenigen unterscheidet, die vor den Ereignissen in Ungarn und Ägypten gültig war. So sehr die Meinungen in Washington zur Zeit kreuz und quer durcheinandergehen – diese Auffassung wird von allen geteilt.

In der Tatsache, daß der amerikanische Außenminister gerade in dem Augenblick ins Krankenhaus eingeliefert wurde, als die Engländer und Franzosen ihnen Angriff begannen liegt so etwas wie ein pathetischer Symbolismus. Er kennzeichnet deutlich das Ende der Dulles-Ära in der amerikanischen Diplomatie. Daran ändert auch der Umstand nichts, daß man die mit Gesundheitsgründen motivierte Abberufung des Außenministers wohl aufschieben wird, bis der Kongreß im Januar zusammengetreten ist.

Die starken england-, frankreich- und israelfreundlichen Elemente im Lande neigen dazu, Dulles für das Auseinanderbrechen der westlichen Einheit persönlich verantwortlich zu machen. Die nicht so deutlich gegliederte Mehrheit indes, deren Gedanken der America First-Idee folgen, stimmt dieser These insoweit zu, daß sie zugibt, er habe nicht sehr viel getan, um den Zusammenbruch zu verhindern.

Stimmung in USA: Diese Europäer!

Niemals ist dieser Außenminister in seinem eigenen Lande populär gewesen. Rückblickend erkennt man jetzt, wie wenig es ihm auch in England und Frankreich gelungen ist, sich Respekt zu verschaffen. Zudem sind sich die Freunde Israels und die Freunde der arabischen Welt (von letzteren gibt es in USA eine ganze Menge) in nur einem einzigen Punkt einig, nämlich darin, daß Dulles nichts zu einer Lösung der Probleme im Nahen Osten beigetragen hat.