Der erste Rekord, der schon vor dem ersten Startschuß gern aufgestellt wird, war, nach Absage einiger Länder, bei der Eröffnung der XVI. Olympischen Sommerspiele in Melbourne nicht geschafft: Mit 68 Nationen bleiben die heute begonnenen Spiele hinter der Länderteilnehmerzahl von Helsinki 1952 (69) zurück. Man wird von den etwa 6000 Athleten, die diesmal um die höchsten Ehrentitel kämpfen werden, die der internationale Sport zu vergeben hat, gewiß einige ganz ausgezeichnete Leistungen zu sehen bekommen, auch wenn vielleicht neue Welthöchstleistungen nicht ganz in dem Umfange registriert werden dürften, wie viele es annehmen möchten. Denn diesmal spielen einige äußere Einflüsse, wie die für die Teilnehmer der nördlichen Hemisphäre – und das sind die meisten – ungewohnte Jahreszeit, die Akklimatisation an Wetter und Temperatur, eine ungleich schwierigere Rolle als jemals bisher. Nach alldem, was man bisher gehört hat, soll sich unsere gesamtdeutsche Mannschaft allerdings überraschend schnell und gut in die neuen Verhältnisse eingelebt haben.

Mit 169 Männern und Frauen stellt Deutschland ein außerordentlich starkes Aufgebot (zahlenmäßig übertreffen uns nur die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die Russen und das Gastgeberland Australien), das auch leistungsmäßig nicht schlecht zu bewerten ist. Da das Verhältnis zwischen den Sportlern aus der Bundesrepublik und aus der Sowjetzone sehr gut sein soll, zieht die gesamtdeutsche Mannschaft als eine geschlossene Phalanx in die Kämpfe. Einige unserer Sportler sind durchaus als Weltklasse anzusprechen. So hält zum Beispiel die Münchner Volksschullehrerin Centa Gastl den Weltrekord im 80-Meter-Hürdenlauf und gilt als Favoritin für diese Konkurrenz. Unsere 4 x 100-Meter-Frauenstaffel hat schon einmal den Weltrekord gewonnen und hat wieder eine Chance. Ihre schärfsten Gegner sind die Mannschaften von Australien und Rußland. Was unsere Kurzstreckenläuferinnen Gisela Köhler und Christa Stubnick leisten können, haben sie oft genug gezeigt. Wir können zufrieden sein, wenn einige unserer Sportler in die letzte Runde vorzustoßen vermögen. Unsere Sprinter Germar, Steinbach, Haas und Fütterer sowie der Hürdenläufer Lauer werden selbst von ihren Gegnern sehr hoch eingeschätzt. In der 4 x 400-Meter-Staffel tippt man auf eine Silbermedaille. Kann der neunzehnjährige Kölner Primaner Martin Lauer sich noch ein wenig im Stabhochsprung steigern, dann müßte ihm der endgültige Einbruch in die Weltelite der Zehnkämpfer gelingen.

Glaubt man zwar bei der Leichtathletik auch an manchen neuen olympischen und Weltrekord, so ist man sich doch nicht gar so sicher dabei, weil die Bahn im Stadion von Melbourne anscheinend nicht gerade vollkommen zu sein scheint. Anders beim Schwimmen. Hier erwartet man Rekorde. Besonders die Australierinnen, so nimmt man an, werden für Überraschungen sorgen. Bei den schwimmenden Männern werden die Amerikaner, Japaner und Australier als kommende Sieger bezeichnet. Der achtzehnjährige Leipziger Student Paul Zierold im 400-Meter-Lauf, die Rückenschwimmer Dieter Pfeiffer-Chemnitz und Ekkehard Miersch – Heidelberg, sowie der „Schmetterlinge-Mann Horst Weber und der Brustschwimmer Altmeister Herbert Klein haben aber immerhin Aussicht, ins Finale zu kommen.

Durch die sonderbare Auslosung im Fußball, die der internationale Verband unverständlicherweise auch nicht geändert hat, nachdem eine Reihe von Absagen noch in letzter Minute eingetroffen waren, werden wir im ersten Spiel gegen Rußland antreten und (es müßte höchstens ein ganz großes Wunder geschehen) ausscheiden. Und was diesmal unsere Turner zeigen werden, wissen wir nicht, sie können aber sehr wohl Medaillen mit nach Hause bringen, genau wie die Ruderer und Segler. W.F.K.