Auf dem amerikanischen Botschaftersessel in Bonn sitzt seit dreieinhalb Jahren ein bedeutender Gelehrter. Verdiente Diplomaten, prominente Politiker mögen ein halbes, wenn es hoch kommt gar ein Dutzend Ehrendoktortitel ihr eigen nennen – Professor James Bryant Conant aber ist 44facher Ehrendoktor. Den letzten, den 44. Doktorhut bekam er am Dienstag im großen Saal der Hamburger Musikhalle von der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät aufgesetzt.

Der heute 63jährige Botschafter Conant hat einen großen Teil seines Lebens in Laboratorien und Hörsälen verbracht. Im Jahre 1933 trat er ein Amt an, das ein hohes Maß an Menschenkenntnis, pädagogischem Feingefühl und nicht zuletzt Organisationsfähigkeit verlangte: er wurde Präsident der Harvarduniversität und damit primus inter pares der 2300 Professoren und Dozenten dieser Hochschule der USA.

Im Krieg von Roosevelt zum Vorsitzenden des Nationalen Forschungsausschusses für Landesverteidigung ernannt, war Conant maßgeblich im „Manhattan-Project“, an der Entwicklung der amerikanischen Atomwaffen beteiligt. Als 1945 der erste Rauchpilz in der Wüste von Neu-Mexiko aufstieg, lag Professor Conant unweit des Explosionsherdes in einer Beobachtungsstelle, „mit dem Gesicht Zur Erde“. Aber nicht nur bei dieser Gelegenheit bewies der bescheidene Herr mit den glitzernden Brillengläsern, daß er Mut besitzt. Als er nach 20jähriger Amtszeit die Präsidentschaft der Harvarduniversität niederlegte, um als Hochkommissar nach Bonn zu gehen, hielt er eine Abschiedsrede, die – zu einer Zeit, als McCarthy und seine Hexenverfolgung noch hoch im Kurs standen – Aufsehen erregte: „Jeder Staat“, so sagte er „hat das Recht, sich gegen seine Feinde zu schützen. Der Versuch aber, Staatsfeinde, Kommunisten und ihre Mitläufer aufzuspüren, darf niemals dazu führen, daß Professoren es nicht mehr wagen, politische Ansichten zu äußern, die mit denen der Obrigkeit nicht übereinstimmen.“ H. G.