Nationalstaaten kann man mit einem Federstrich schaffen; Nationalbewußtsein muß man langsam züchten. Erfahrungsgemäß leistet die Literatur dabei gute Dienste. So haben auch – seit Ägypten 1914 aus dem türkischen Machtverband herausbröckelte – die Literaten am Nil das ihre getan, um aus dürrem Wüstenboden eine nationale Flora sprießen zu lassen. Wie erfolgreich sie dabei waren, erweist sich daran, daß jetzt auch der letzte Fellache Sätze verstehen kann, wie diesen: „Dein Vaterland, Ägypter, ist mehr als der Flecken Erde, dessen Früchte du ißt, dessen Luft du atmest und dessen Steine deine sterblichen Überreste umschließen werden, wenn dein Geist zu seinem Schöpfer entweicht. Im Schoße dieser Erde schlafen die Pharaonen Menes und Ramses und schläft auch Muhamed Ali.“ Noch vor gar nicht langer Zeit hätte niemand im Ägypterland gewußt, was Mohammed Teymour – denn aus der Feder dieses modernen ägyptischen Schriftstellers stammt der Satz – eigentlich meint. Was heute zur gängigen Münze der Sprache gehört, Begriffe wie „Mutterland“ oder wie „Vaterland“ – sie hat es noch vor 30 Jahren ursprünglich im Arabischen überhaupt nicht gegeben ... h. g.