Über dem Vorsitzenden der FDP, über Thomas Dehler, hängt das Schwert an einer Schnur, die man sich fein und bunt gewirkt vorstellen muß. Schnur und Schwert drehen sich im Winde allgemeiner Unzufriedenheit langsam im Kreise, und man sieht die bunten Fäden dünner werden, einmal die roten, dann die schwarzen, die braunen, auch die vielen Fäden unbestimmter Farbe. Wenn die Schnur reißt und das Schwert fällt, ist Dehler die längste Zeit Parteivorsitzender gewesen ...

Es ist dieser Dr. Thomas Dehler aber einer der interessantesten Politiker, die auf der Bonner Plattform erschienen sind. Sehr vital, doch ohne die Sturheit der allzu Vitalen; ein harter Arbeiter auf dem Acker, in dem seine Talente ruhen, deren Goldwert ein echtes Streben nach dem Rechten und nach Gerechtigkeit ist, und doch zugleich ein Freund der Lebensfülle: er tanzte auf dem novemberlichen Presseball und war so unbekümmert um die am gleichen Abend in Ungarn einrückenden Sowjetpanzer, daß jeder Betrachter wußte, diese Nachricht könne er nicht vernommen haben. Dehler ist ein Mann voll edlen Mutes, doch hat er, wie manch anderer Über-Mutige, nicht über Phantasielosigkeit zu klagen, im Gegenteil... Worüber sollte er also fallen, er, der oft bewies, daß er das Herz auf dem rechten Fleck habe? Nun, da wir schon vom Symbolgehalt von Körperteilen sprechen: Sein Mund ist schuld, wenn sein Kopf fällt!

Man muß Thomas Dehler sehen, wenn er – im Bundestag oder sonstwo – am Rednerpult steht. Nicht selten naht ein Augenblick, in dem man spürt: jetzt rastet etwas ein! Eben noch floß ruhige Passage dahin; nun plötzlich setzt sich rhetorisches Räderwerk in Bewegung. Das Auge rollt. Die Locke lockert sich. Der Atem staut sich, und der Redner greift mit der Hand an seine Brust, mit beiden Händen gar. Tief grollt und grummelt die Stimme, und es wird an textlosen, rein akustischen Ausrufungszeichen nicht gespart, wobei ein „Ah“, ein „Oh“, ein „Ach“ alle nur erdenkbaren und in Schauspielschulen geübten Ausdruckswert? annehmen kann. Nur selten klingt’s plaudernd, plausehend; meist kommt es als röchelnder Kehllaut heraus. Was die empörte oder grollgefüllte Brust bewegt, scheint zu gewaltig, als daß die Zunge es geläufig sagen könnte. Und wo das Wort fehlt, stellt ein Vokal sich helfend ein.

Oh, das ist nicht wirkungslos! Ach, das springt manchmal auf den Zuhörer über wie der elektrische Funke von einem zum anderen Pol! Hach, da entsteht eine Art von Dialog zwischen Redner und Zuhörern! Schon gibt es Zwischenrufe, die begierig aufgegriffen werden, die zustimmenden wie die ablehnenden. Ehe die Erregung zum Radau wird, pflegt Dehler freilich den Druck aus den Kesseln zu lassen.

Dem Manne, der vom Rednerpult abtritt, sieht man nicht mehr an, wie ihm, als er noch sprach, zumute war. Man hofft, er habe die rauschhaften Partien seines Zwiegesprächs mit der Zuhörerschaft ebenso genossen, wie das Publikum die vom Rednerpult ausstrahlende Erregung. Aber es ist oft passiert, daß man, las man anderen Tages den gedruckten Text, eine böse Ernüchterung spürte. Wer vergaß, wie er’s sagte, mag nimmer glauben, daß er just dies gesagt hat.

Das Konkordat sei verbrecherisch, so sagte Dehler, der Katholik, einmal im protestantischen Hamburg, aber im katholischen Fürth: Nein, er habe den Papst nicht beleidigen wollen. Einmal äußert er im Schwung der Rede Worte gegen Adenauer, die fast an Beleidigung grenzen, ein anderes Mal sucht er Kontakt mit ihm. In Sachen der Außenpolitik möchte er sich der SPD anschließen, in Sachen der Wirtschaftspolitik mit den Christiich-Demokraten gehen. Und erst seine „Direktiven“ in der Ostpolitik! Mal rät er, mit Pankow zu verhandeln, mal rät er ab und beschränkt sich auf Kontakt mit einer sowjetzonalen Partei, die nur dem Namen nach liberal ist. Mal so, mal so. Ein Kreisel rotiert. Und während Dehler auf seine Entscheidungsfreiheit pocht, weiß niemand, wie lange ihm die Entscheidung gilt, die er gestern getroffen oder nur – geäußert hat. Bis morgen? Bis übermorgen?

Ach, er sei wieder falsch verstanden worden, hat Dehler im nachhinein dann oft geäußert; sein Zungenschlag sei nicht glücklich gewesen, meinte er, der am häufigsten mißverstandene Politiker von Bonn! Und so ist zwischen Rede und Dementi, zwischen Behauptung, Mißverständnis und Korrektur die Schnur, an dem das Schwert über Dehlers Haupt schaukelt, immer fadenscheiniger geworden. Und was man ihm jetzt noch wünschen kann, ist nur eines: daß er echte Freunde habe, die herbeispringen, damit das Schwert nicht allzu böse schneide und allzu grimmig poltere.