Erzählung von Rolf Schroers

Damals, gegen Ende des zweiten Weltkrieges, war er Oberst, einer jener jungen Regimentskommandeure, die ihr Avancement nebst ihrer Kühnheit und ihrem rauhen Ton den feindlichen Geschossen verdankten, die ihnen nach oben Luft verschafft hatten. Nichts gegen die Redlichkeit, sich durch eine gewisse Kameraderie mit dem Tode hinauf zu dienen; alle, die damals dabei waren, haben ihren Teil Pulver gerochen, und mancher noch mehr. Und diejenigen von der Art des Obersten hatten längst zu fragen aufgehört, wozu dieser Pulvergeruch gut sei, wenn sie sich das überhaupt je gefragt hatten. Sie mochten nur damals ihre Heimat nicht mehr leiden, ohne sich Rechenschaft über Gründe hierfür abzulegen. Vielmehr liebten sie es, so zu leben, mit allen möglichen Waffen versehen, auf deren Bedienung sie sich ausgezeichnet verstanden. Vorwände zu suchen, die ein so üppiges Leben erst möglich machten, das überließen sie anderen; und diese anderen plapperten sie nach, wo es nötig war, mit der gehörigen Verachtung. Wer dazugehörte, brauchte solche Gründe nicht. Er brauchte Waffen, Soldaten- und ein Schlachtfeld, auf dem die Sekunde nicht sicher war.

Ich gebe zu, daß der Oberst, von dem hier die Rede ist, nach dem Ende dieses Krieges, oder vielleicht schon ein wenig früher, hätte nachdenklich werden sollen. Schließlich geht es mir jetzt nicht um vergangene Heldentaten, sondern um das, was er heute tut. Und es ist immer gut, wenn man für eine Person, die man liebt, ein Alibi bereit halten kann, in dessen Falten man sie versteckt. Nachdenklichkeit ist ein schönes Alibi für einen Obersten. Aber ich finde keine Spur davon, ich finde immer nur ihn selbst.

Nach dem Krieg hatte er nichts zu tun. Man hatte ihm alles weggenommen: seine Waffen, seine Soldaten und sein Schlachtfeld; für ein paar Monate fehlte ihm auch die Freiheit. Aber damit mußte solch ein Mann wie er rechnen. Er machte kein Aufhebens davon. Als er zurückkam, versorgte ihn seine Frau; sie stellte Unterwäsche für andere Frauen her. Zunächst besorgte sie ihr Geschäft allein, dann mit einer wachsenden Zahl von Nähmaschinen, in einem richtigen, kleinen Betrieb. Der Oberst lachte und wurde Betriebsdirektor, das heißt, er machte es sich in einem Lehnstuhl bequem, verschaffte sich einen Hund, und wenn ihm das Tick-Tack der Maschinen allzu emsig wurde, streifte er durchs Feld. Man versteht, er hielt den Krieger in sich bei kleiner Flamme, und sein Hund ersetzte ihm derweilen irgendeinen Soldaten. Die beiden verstanden sich gut. In der Abenddämmerung befanden sie sich oft weit weg vom Nähmaschinenheim, und der Hund des Obersten forderte das Wutgeheul der Hunde heraus, die auf den Gehöften an der Kette lagen.

Nun darf man sich meinen Oberst nicht gerade romantisch vorstellen, mit einer Säbelnarbe im Gesicht etwa, oder mit einem verstümmelten Arm. Das wäre ja ganz gut und beinahe malerisch gewesen, und sicher hätte der Oberst solche Trophäen mit Würde zu repräsentieren gewußt, mit jener Würde, die einen kleinen, außerordentlich männlichen Blick der Verachtung für den gehabt hätte, dessen Miene etwa bedauernde Anerkennung verriet. Solcher zärtlichen Verwundungen konnte sich der Oberst nicht erfreuen; es hatte ihn schlimmer, um nicht zu sagen ehrlicher getroffen. Sein Gesicht war grausam entstellt. Im letzten Kriegswinter war er der Explosion einer Granate zu nahe geraten, die von Nase, Mund, Ohren, Brauenwölbung und Kinn, geschweige von seiner Haut nichts übriggelassen hatte. Sein Gesicht war ein zerfetztes Stück Fleisch gewesen, und dieses Stück Fleisch hatte sich dann mit einer dünnen, vielfarbig glänzenden Haut überzogen; wozu gesagt werden muß, daß der Oberst keine Schönheitsreparaturen erlaubte. Die Soldaten, die in ihren inzwischen zerfallenen Gräbern moderten, hatten nicht einmal soviel Gesicht. Und er wußte, daß der Tod kein Spaßmacher war, sein Gesicht war dem Obersten etwas wert. Vielleicht hielt er es sogar für ein Alibi, nur eben den vermodernden Soldaten seines Regiments gegenüber, bei denen er rechtens hätte liegen müssen, anstatt Betriebsdirektor einer Firma zur intimen Bekleidung von Frauen zu sein; was aber ja nur ein Zufall war. Was sogar gleichgültig war; ohne dieses Gesicht hätte er beispielsweise Abgeordneter werden können. Daran lag ihm nicht. Ich meine, ein solches Gesicht ersetzt im Fall meines Obersten das Nachdenken; nur daß das Nachdenken freundlicher und in gewissem Sinn unverfänglicher ist. Man kann ja immer wieder nachdenken; so leicht geht einem dabei nichts schief.

Eines Tages traf ich ihn in der Dorfgaststube, in die er an kalten Tagen manchmal eintrat, um einen scharfen Schnaps zu trinken. Er stand an der Theke, der schwarze Hund lag eingerollt zu seinen Füßen und schielte zu mir herauf, und als der Oberst mich ansprach, klopfte er ein paarmal mit dem buschigen Schwanz auf den Boden. Der Oberst lud mich ein, und ich nahm an, denn er war ein ziemlich wohlhabender Mann geworden, dank der Tüchtigkeit seiner Frau, die wir beide nicht mochten. Nicht, daß wir jemals über seine Frau gesprochen hätten – unser Einverständnis beruhte darauf, daß wir das nie taten, und daß ich ihn auch nie zu Hause besuchte. Wir trafen uns in der Dorfgaststube, in die ich regelmäßiger einkehrte als er, denn ich trinke gern und viel; oder auch draußen im freien Feld, wo ich ihn oft zu einem Schluck aus der Flasche aufforderte. Ich führe Schnaps in meinem Handgepäck mit, wie ein anderer seine Zigaretten.