Zu zwei Ausstellungen in München

Von Carl Georg Heise

Cézanne und van Gogh – der Vergleich ist verlockend. Die Zeit ist vorüber, in der die Namen der beiden Großen Schlachtrufe von erbitterter Gegensätzlichkeit bedeuteten. Ihre Werke sind historisch geworden – das ist der überraschende erste Eindruck, den die Ausstellungen in München vermitteln –, der Kampf um sie ist längst verstummt und damit auch das Ausspielen der beiden gegeneinander, die ihren festen Platz in der Entwicklungsgeschichte der Malerei der letzten Jahrhundertwende eingenommen haben, sich ergänzend und nicht einander ausschließend. Trotzdem: Die Persönlichkeiten, wie auch ihre künstlerischen Ergebnisse sind so in die Augen springend verschieden – selbst ein ausschließlich an den leidigen farbigen Postkarten geschulter Backfisch würde sie nicht verwechseln! –, daß die Frage, die immer wieder unter den Besuchern ausgetauscht wird, wer uns in der Gegenwart am meisten zu sagen habe, als durchaus verständlich erscheint.

Cézanne ist 14 Jahre früher geboren als van Gogh und lebt 16 Jahre länger als er; auf seinem langen Arbeitsweg entwickelt er, unermüdlich tätig, seine Malerei mit bewunderungswürdiger Folgerichtigkeit, die sich von Etappe zu Etappe genau ablesen läßt. Er wurzelt in der Tradition und begründet eine neue. Ein Revolutionär war er nur für seine eigene Zeit; heute erscheint er uns als ein Fortsetzer und Vollender, ja als ein Deuter für die Zukunft. Alles Persönliche, alles still mit sich selber ausgetragene künstlerische Ringen tritt für die Nachwelt zurück vor dem Eindruck so rätselvoller wie überzeugender Harmonie. Das überlieferte Bild des ohne materielle Sorgen kleinbürgerlich verlaufenden Daseins verlockt nicht dazu, Zusammenhänge zwischen Kunst und Lebensschicksal aufzudecken. Erregend sind seine Arbeiten nur in dem Maße, wie alles Vollkommene es dunkel ahnen läßt, daß es allein aus gebändigter Leidenschaft zu erwachsen vermag.

Bei van Gogh dagegen lassen sich Werk und Leben auch für den Betrachter von heute nicht trennen; zu genau sind wir durch erschütternde menschliche Dokumente bis ins einzelne unterrichtet über die Einwirkungen von grausamer Not, Krankheit und Einsamkeit auf den hektischen Durchbruch sieghaften künstlerischen Gelingens. Schon 37jährig (im Alter Mozarts) versiegt sein glühendes Leben. Und er war kein Wunderkind: von den elf Jahren seiner künstlerischen Tätigkeit sind es kaum sechs, die eigentlich zählen, weniger als drei, in denen die Meisterwerke in unvorstellbarer Leidenschaft gleichsam herausgeschleudert werden, und immer deutlicher wird es beim zunehmenden zeitlichen Abstand, wie sehr und wie früh schon die Schatten geistiger Gefährdung auch die künstlerischen Ergebnisse mitbestimmt haben, sie anfänglich steigernd, sie schließlich tödlich bedrohend. Die aus Leidenskraft erwachsende Meisterschaft reißt hin zu staunender Bewunderung, aber die zum Äußersten individuelle künstlerische Formengebung bleibt ohne jede Möglichkeit schulmäßiger Nachfolge, wie ein Meteor steigt van Goghs Genius auf und verlischt. Von Gemütsart und Temperament des Nacherlebenden wird es wesentlich abhängen, wo die persönliche Anteilnahme sich am stärksten regt, doch wird man sich davor hüten müssen, das objektive Urteil über die Qualität davon abhängig zu machen.

Nicht zu wenig, sondern fast schon zu viel wissen wir über die Werke und die Lebensumstände beider Künstler; eine an Geheimwissenschaft grenzende Ergründung hat durch eine Unsumme von Publikationen die rein aus der Anschauung gewonnene Beurteilung stark erschwert – und doch müssen wir sie immer erneut versuchen. Eine so günstige Gelegenheit dazu wie heute in München, durch eine reichhaltige Auswahl aus beider Lebenswerk im gleichen Hause, wird in Deutschland so bald nicht wiederkehren. Als sie zum erstenmal gegeben war, bei der denkwürdigen Kölner Sonderbundausstellung 1912, traf van Gogh, über 20 Jahre nach seinem Tode, mit seiner erregten Flammenschrift so genau mit den Bemühungen des Expressionismus zusammen, daß ihre Wirkung unvergleichlich groß sein mußte, Cézannes Einfluß dagegen, namentlich auf die Malerei der Folgezeit, war ruhiger, aber nachhaltiger, und heute, wo die Kunstfreunde der Welt der Pathetik müde geworden sind und sich nach beruhigten Ordnungen sehnen, gewinnt sein stilleres, reineres, beständigeres Licht zunehmend an Bedeutung. Das wird auch in München deutlich, und wenn es sich dabei auch um zeitbedingte Erwägungen handelt, so erwachsen doch eben aus ihnen die besten Kräfte des nacherlebenden Verstehens.

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