Die Monate waren im Leben der verschleppten deutschen Spezialisten in Rußland vorbeigezogen wie die Fluten eines schnellfließenden breiten Stromes, dessen Ufer von einer abwechslungsreichen, interessanten Landschaft auf der einen, und einer öden, trostlosen Wüstenei auf der anderen Seite begrenzt werden. Nun waren sie bald fünf Jahre in der Sowjetunion. Sie kannten den russischen Alltag, ohne selbst Sowjetbürger geworden zu sein. Sie hatten sich an manches gewöhnt, worüber sie zuerst entsetzt und später erstaunt gewesen sind. Die Postverbindung mit Freunden und den Verwandten in Deutschland war so gut wie abgerissen. Sie schrieben und erhielten keine Antwort mehr und sie glaubten alle nicht mehr daran, noch einmal nach Deutschland zurückkehren zu können. Sie hatten sich fast abgefunden mit dem Leben in der Fremde. Sie hatten ihre Arbeit, an der sie alle hingen. Sie hatten Gärten vor ihren Häusern angelegt, und sie hatten schon einen eigenen Friedhof mit richtigen Kreuzen...

Es regte sie nicht mehr auf, wenn irgend jemand aus ihrem Kreis plötzlich verschwand, vielleicht mit der NKD nach Sibirien, vielleicht auf einem heimlichen Fluchtweg nach Deutschland. – Es störte sie nicht, wenn ein Abteilungsleiter wegen „groben Unfugs“, den er in einem handfesten Wodkarausch vollführte, zu einem Jahr Zwangsarbeit verurteilt wurde. Den Sowjetbürgern erging es ja noch viel schlechter auf ihren Kolchosen und mit den Gänsen und Schweinen in ihrem einen Zimmer. Und warum sollten sie Briefe nach Deutschland schreiben dürfen, wenn kein Sowjetbürger ein Paket nach Leningrad zu seinem Freund oder seinem Vater schicken darf? Wo käme die Sowjetunion hin, wenn jeder Briefe und Pakete hinschicken darf, wohin er will?

Dennoch fühlten alle, daß irgend etwas in der Luft lag. Warum erschienen plötzlich die sowjetischen Konstrukteure S. V. Ilyushin und A. N. Tupolev mehrmals in Podberesje? Warum sprachen sie stundenlang mit General Rebenko, dem russischen Direktor des Werkes, und warum bestiegen sie die Führersitze der DFS-346, ließen sich die Raketenmotore erklären und diskutierten dann bis tief in die Nacht hinein mit Siegfried Günther und mit Professor Baade?

Eines Tages war es durchgesickert. Die neuerbauten Werke jenseits des Ural waren nun soweit, daß die Versuche dorthin verlegt werden konnten. Gleichzeitig aber sollten einige Experten zur Regierung der Sowjetzone Deutschlands abgestellt werden, um beim Neuaufbau einer sowjetzonalen Luftwaffe und Luftfahrtindustrie als Berater und Mitarbeiter zu fungieren.

Es begann ein großes Rätselraten. Wer wird nach Hause kommen? Wer wird weiter nach dem Osten müssen? Nächtelang wurde über alle diese Probleme in den Wohnungen diskutiert. Viele konnten die Spannung kaum noch ertragen, andere wollten gar nicht mehr nach Deutschland zurück. Aber dann war es plötzlich soweit, daß aus Moskau der General Lukin mit der kleinen Liste kam, auf der die Namen der Deutschlandfahrer verzeichnet waren.

Wie oft im Leben, so geschah es auch diesmal, daß jene, die felsenfest mit ihrer Rückkehr rechneten, bitter enttäuscht wurden, und andere, die jede Hoffnung aufgegeben hatten, das große Los zogen. Zu letzteren gehörten auch Thomas und Erika mit ihrer inzwischen beinahe acht Jahre alten Tochter, die nun ihre Heimat zum ersten Male richtig sehen sollte. Der Abschied war hastig, es flössen Tränen von vielen, die zurückbleiben mußten. Dann hörte Thomas nach sechs Jahren zum ersten Male wieder das Rattern der Räder über die Schienenstöße des schlechten russischen Gleisoberbaues. Aber diesmal ging die Fahrt westwärts, und das Ungeziefer in den Betten störte weder ihn noch Erika oder das Kind.

Aber die Heimatstadt Halle war für Thomas keine Heimat mehr. Eines Tages wurde der Dipl.-Ing. Berendorf, der mit ihm aus der Sowjetunion zurückgekehrt war, verhaftet, weil er sagte, daß es ihm in Rußland besser ergangen wäre, als in seiner Heimatstadt unter dieser Regierung. Thomas wurde gewarnt, und an einem Herbsttage des Jahres 1955 nahm er alles Geld, das er von Rußland überwiesen bekommen hatte, aus seinem Schrank, zog seinen Großspezialistenanzug an und ging mit Erika und dem Kind zum Bahnhof. Drei Stunden später war er in Berlin, und in der vierten Stunde meldete er sich als Flüchtling aus der deutschen Sowjetzone mit vierhundert anderen Menschen, die am selben Tage gekommen waren, im Westen der Stadt und bat um Asyl.