Janko Musulin, Wien, Mitte November

Kadar hat bisher nicht einmal eine de facto-Regierung bilden können. In den ersten Tagen, die ich in Budapest miterlebte, war er nirgends zu entdecken; man darf wohl annehmen, daß er im russischen Hauptquartier den Ausgang der Dinge abwartete. Nun amtiert er, beschützt von russischen Panzern, irgendwo im Parlament. Das heißt, er verfaßt Appelle, empfängt noch immer revolutionär eingestellte Arbeiterdeputationen, schickt Botschaften zu Imre Nagy, mit der Aufforderung, doch die von den Russen umstellte jugoslawische Botschaft zu verlassen (zwischen Jugoslawen und Russen herrschen in Ungarn wenig brüderliche Gefühle, heißt es doch, daß Tito den Rebellen Waffen geliefert hat) und sich mit ihm – Kadar – zu liieren. Die Bevölkerung ist sich über seine Lage völlig im klaren. In einem Flugblatt, das plötzlich in Budapest auftauchte, hieß es:

„Ungarischer Ministerpräsident gesucht – braucht weder lesen noch schreiben zu können, muß aber imstande sein, fremde Anordnungen zu verstehen und zu unterschreiben.

gez. Firma Bulganin und Chruschtschow.“

Dabei ist Kadar vielleicht nicht einmal die Personifikation des Bösen, er ist ein schwacher, titoistisch eingestellter Kommunist, dem es in seiner Haut offensichtlich gar nicht wohl ist und der der furchtbaren Stunde keineswegs gewachsen ist. Eine noch düstere Erscheinung ist der Innenminister Munnich, der einzige Minister, der überhaupt eine Tätigkeit auszuüben scheint; die Amtsgebäude aller anderen sind noch immer verlassen, nur hie und da tauchen verschüchterte Würdenträger auf und versuchen, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Das ist offensichtlich auch das Bestreben der Russen. Aber alle Maßnahmen scheinen sich selbst aufzuheben. Man kann das Standrecht aufrechterhalten und auf jede Zusammenrottung von über fünf Personen schießen. Aber man kann mit solchen Methoden die Industrie nicht wieder in Gang setzen, die ja „auf Zusammenrottung von über fünf Personen“ angewiesen ist.

Sobald die Arbeiter wieder in die Fabriken strömen und die Betriebe zu produzieren beginnen, flammen die revolutionären Triebe wieder auf: die großen Hallen werden zu konstituierenden Versammlungen der Freiheit, Deputationen werden gebildet, dringen zu Kadar vor und stellen Forderungen, die dem sogenannten Regierungschef keinen Zweifel darüber lassen, daß er eines Tages zwischen den Mühlsteinen der Roten Armee und des Volkszornes zermalmt werden muß. Der Korrespondent der Associated Press erlebte neulich in einer Fabrik, wie einer der Betriebsratsvorsitzenden, der telephonisch von einem Minister aufgefordert wurde, die Arbeit wieder aufzunehmen, ins Telephon brüllte: „Scher dich zum Teufel, du und deine Henkersknechte!“

Kadar hat bereits die anfangs gegebenen Versprechungen brechen müssen. Niemals mehr würde die Geheimpolizei neu aufgestellt werden! Aber eben das ist’s, was der Innenminister jetzt zu tun versucht. Natürlich ist auch das zweite Versprechen, daß die ehemaligen AVO-Leute nicht mehr Einstellung finden würden, nicht eingehalten worden. Aus dem Zwielicht ihrer Verstecke, aus dem Dunkel der Bunker, aus den Kanälen von Budapest, wo sie sich mit den Rebellen in den letzten einsamen Kämpfen herumschlugen, ist dieser Abschaum der Menschheit nun wieder ans Tageslicht gestiegen, um die alte Tätigkeit fortzusetzen.