Am 1. September 1939, an dem Tag, an dem Hitler seinen Truppen den Befehl gab, in Polen einzumarschieren, hielt „der Führer“ vor dem Reichstag zum Westen gewandt eine großangelegte Friedensrede: „Ich habe England immer wieder eine Freundschaft und wenn notwendig das engste Zusammengehen angeboten. Aber Liebe kann nicht nur von einer Seite geboten werden, sie muß von der anderen ihre Erwiderung finden.“

Während an den Ketten der sowjetischen Panzer, die in Ungarn eingesetzt sind, noch Blut und Schmutz kleben und im Raum zwischen Polen und Bulgarien vom Aufmarsch weiterer russischer Truppen berichtet wird, überreichte die Sowjetunion den Westmächten (und Indien) eine Note, die eine umfassende Abrüstung und die Vernichtung aller Wasserstoff- und Atombombenvorräte vorschlägt. (Übrigens am gleichen Tag, an dem die Durchführung eines neuen Atomversuchs in Rußland gemeldet wurde). Jene Note ergeht sich in friedfertigen Zukunftsträumen, sie malt aus, wie eines Tages, in gar nicht ferner Zeit, alle Streitkräfte abgerüstet sein werden und wie es dann nur noch Polizei für den zivilen Bereich gibt.

Begleitet wird diese helle Friedensmelodie von dunklen Drohungen: „Es kann offen gesagt werden“, heißt es da, „daß sich im gegenwärtigen Zeitpunkt in Westeuropa eine strategische Situation entwickelt hat, die für die sowjetischen Streitkräfte noch größere Vorteile bringt, als dies am Ende des zweiten Weltkrieges der Fall war!“ Und weiter: „Falls die Sowjetunion aggressiv werden wollte, könnte sie gegen die Streitkräfte des Atlantikblocks antreten und die ihr zugeschriebenen militärischen Ziele verwirklichen, auch ohne Einsatz moderner Atom- und Raketenwaffen.“

Die Vorstellung, die doch so plausibel schien, man könne sich im Atomzeitalter die konventionellen Waffen sparen, ist nicht erst durch diese Drohung, sondern schon durch die Ereignisse der letzten Wochen eindeutig widerlegt worden. Auch der These von der Koexistenz als einem so besonders liebenswerten Zustand war kein langes Leben beschieden. Natürlich müssen Kommunisten und Liberalisten genau wie Fuchs und Hase, Feuer und Wasser, auch in Zukunft in dieser Welt weiter miteinander koexistieren, aber sie werden sich dieses Zustandes als einer naturgesetzlich durchaus gefahrvollen Situation bewußt sein, und sie nicht für einen paradiesischen Zustand halten, in dem Fuchs und Hase beruhigt im gleichen Lager schlafen können. Denn das hat sich jetzt doch deutlich gezeigt, daß für die Sowjets Koexistenz kein Ziel ist, sondern nur ein Mittel, um die Außenpolitik (in der es ihr weiterhin allein um Macht- und Schlüsselpositionen geht) vor den Folgen der innenpolitischen Destalinisierung zu schützen.

Viele wesentliche Thesen von Karl Marx haben sich längst als Irrtum entpuppt, so beispielsweise die Vorstellung, daß innerhalb der kapitalistischen Welt die Arbeiter in einen Zustand ständig wachsender Verelendung geraten müssen, und daß die hieraus folgende Spannung zwangsläufig zu der entscheidenden revolutionären Situation führen werde. Geradezu umstürzende Erkenntnisse aber sind es, die die Ereignisse in Ungarn lehren;

Wer würde nach den Ereignissen in Budapest noch zu bestreiten wagen, daß auch im kommunistischen System Revolutionen entstehen, die doch bei Marx nicht vorgesehen, ja sogar grundsätzlich ausgeschlossen sind. Auch die wichtigste Voraussetzung, auf der die kommunistische Lehre beruht, daß nämlich die Arbeiter sich in permanenter Auseinandersetzung mit allen anderen Klassen im eigenen Staat befinden, aber in Solidarität mit allen Arbeitern der Welt, ist ein für allemal fragwürdig geworden, seit sowjetische Arbeiter und Bauern auf ungarische Arbeiter und Bauern mit Kanonen schossen, die aus dem „akkumulierten Mehrwert“ ihrer unterbezahlten Arbeit erstellt worden sind.

Viel wichtiger aber als all dies ist, daß es den Ungarn gelang, die Grundvoraussetzung der kommunistischen Lehre ad absurdum zu führen, nämlich das Dogma von der Priorität der Materie über den Geist. („Das. ökonomische Sein bestimmt das Bewußtsein.“) Ihnen ist es gelungen, den magischen Bann zu durchbrechen, der den Widerstand des modernen rationalistischen Menschen lähmt, wie die Gegenwart der Schlange das Kaninchen, nämlich die Vorstellung der Ohnmacht dem Apparat, der Tyrannis, der Macht gegenüber.