Wien, im November

In Budapest fragte uns der amtierende russische Oberst, der die Passierscheine für die österreichische Grenze ausfertigte, wie wir über die ungarische Lage dächten. Er ließ sich vom Dolmetscher Wort für Wort übersetzen und nickte energisch Zustimmung dazu.

Daß die Russen, wenigstens die in Uniform, nicht sehr glücklich sind über das, was dort vor sich geht, dafür gab es mehrere Anzeichen. Ich kehre aus diesem Abenteuer mit einem gewissen Respekt für das russische Militär zurück, einem Respekt, der proportionell zu der Verachtung für die politischen Führer steht, die jene zum Einsatz in Ungarn gezwungen haben. Sie haben dort nicht nur Verbrechen begangen, sie haben einen Fehler gemacht, den sie später einmal schwer bezahlen werden müssen, und ich will hier das wenige, was ich über die Entstehung dieses Fehlers weiß, berichten:

Die erste Erhebung, die mit der Rückkehr Nagys in die Regierung endete, war für die Russen, und nicht nur für sie, vollständig überraschend gekommen. Selbst die Studenten, die vor der polnischen Botschaft eine Sympathiekundgebung inszeniert hatten (die im Grunde gegen das verhaßte System der Rakosi, Geroe und Genossen gerichtet war), hatten sich diese Folgen nicht vorstellen können. Unverständlich bleibt, warum Geroe die russischen Truppen um Hilfe rief und besonders, warum diese herbeieilten, denn die Russen selbst waren schon seit einigen Wochen entschlossen gewesen, Rakosi und Geroe abzusetzen. Man sagt, daß einer der Punkte des Gesprächs Tito-Chruschtschow auf der Krim sich darum gedreht habe und daß die Kandidatur von Nagy außerdem noch von dem russischen Gesandten in Budapest, Antropov, dem russischen Militärattache Tikhonov und dem jugoslawischen Gesandten Soldatich befürwortet gewesen wäre.

Tatsächlich befindet sich Nagy seit jener dramatischen Nacht des 3. auf den 4. November, als sich die Nachricht von seiner Gefangennahme verbreitete, in der jugoslawischen Botschaft; daß Belgrad auf den im Verdacht des „Titoismus“ stehenden Nagy seine Karten gesetzt hatte, war ein offenes Geheimnis. Daß jedoch auch Antropov und Tikhonov Tito darin unterstützten, ließ darauf schließen, daß auch in Rußland die Notwendigkeit zu einem Personenwechsel in Budapest eingesehen wurde. Wie ist es also zu erklären, daß die Russen dennoch ihre Truppen für Rakosi und Geroe einsetzten, für Männer also, die sie bereit waren, politisch fallen, zu lassen?

Es darf wohl angenommen werden, daß sie sich über die Folgen ihres Schrittes nicht im entferntesten klar waren. Nie hätten sie gedacht, daß jene heterogene, aber doch immerhin noch kommunistische Demonstration sich in eine nationale antisowjetische Volkserhebung verwandeln würde. Der Beweis dafür ist, daß die nach Budapest entsandten Panzer, die die Stadt durch ihr bloßes Erscheinen wieder zur Vernunft bringen sollten, wenig Munition und noch weniger Benzin hatten. Diese Tatsache entschied die erste Schlacht zugunsten der Aufständischen.

Zweitausend tote Russen, unzählige verbrannte Panzer und der Rückzug der verbliebenen Truppen, die unter den Haßrufen der Bevölkerung,aus der Stadt getrieben wurden, war die Bilanz der ersten Schlacht und ein Schauspiel, das uns mit Erstaunen, Bewunderung und Schrecken erfüllte.