Unbeachtet und vergessen lagen seit fast einhundert Jahren im Londoner Britischen Museum 2500 Jahre alte Keilschrifttafeln, bis erst im vergangenen Jahr der Altertumsforscher Wiseman sich an die Entzifferung machte. Den Archäologen bedeutet dieser Text eine Sensation: Die langgesuchte babylonische Bestätigung des Kriegszuges nach Jerusalem ist damit gefunden!

Damals zog Nebukadnezar, der König von Babylon, gegen Jerusalem herauf, und die Stadt wurde belagert. Nebukadnezar, der König von Babylon, rückte selbst gegen die Stadt heran, während seine Leute sie eingeschlossen hielten. Da ging Jojachin, der König von Juda, zum König von Babylon hinaus – er, seine Mutter, seine Diener, seine Obersten und seine Kämmerer; so nahm ihn der König von Babylon im 8. Jahre seiner (Nebukadnezars) Regierung gefangen. Er ließ alle Schätze des Jahwetempels und die Kostbarkeiten des Palastes von dort wegbringen und raubte alle goldenen Geräte, die Salomo, der König von Israel, im Jahwetempel hatte aufstellen lassen, wie Jahwe es angedroht hatte. Er ließ (zahlreiche) Jerusalemer und alle Notabeln und alle vermögenden Männer – zehntausend – sowie alle Schmiede und Schlosser deportieren; nur die kleinen Leute blieben vom Volk zurück. Jojachin ließ er nach Babylon fortbringen; auch die Mutter des Königs, seine Frauen, Beamten und die Mächtigen im Lande führte er so als Gefangene von Jerusalem nach Babylon ... und der König von Babylon machte Mathanja, seinen Oheim, zum König an seiner Stadt und änderte seinen Namen in Zedekia.“

So berichtet die Bibel im 24. Kapitel des 2. Königsbuches vom ersten Akt einer weltgeschichtlichen Tragödie, die sich vor zweieinhalb Jahrtausenden im Heiligen Lande abspielte – unter den damals Deportierten befand sich auch der Prophet Ezechiel – und dem nach einem Jahrzehnt die Zerstörung Jerusalems und die restlose Wegführung der Judäer folgen sollte. Die knappe alttestamentliche Darstellung war und blieb bis vor wenigen Jahrzehnten das einzige Zeugnis dieser leidvollen Begebenheit; denn die Hoffnung, daß die seit 100 Jahren immer reichlicher fließenden keilschriftlichen Quellen mehr Licht auf sie werfen würden, blieb zum allgemeinen Erstaunen unerfüllt. Bei näherem Zusehen erwies sich das freilich als nicht besonders verwunderlich: Das winzige judäische Staatswesen konnte in der Großpolitik des neubabylonischen Reiches kaum besondere Beachtung beanspruchen. Und es war ein großer Glücksfall, daß E. F. Weidner in den wiedergefundenen und im Berliner Alten Museum lagernden Verpflegungslisten des Palastes von Babylon den Namen des weggeführten Königs Jojachin samt Söhnen und Gefolge entdeckte, damit die Historizität des biblischen Textes erweisend. Auch das Siegel eines Hofbeamten dieses unglücklichen, erst 18jährigen Fürsten – der die politischen Sünden seines Vaters büßen mußte und sich, offenbar um Jerusalem zu retten, freiwillig den Babyloniern auslieferte, um erst 37 Jahre nach .seiner Deportation von Nebukadnezars Nachfolger begnadigt zu werden – fand sich neuerdings in Teil bet-Mirsim in Südpalästina wieder.

1935/1938 tauchten einige andere, freilich weiter sehr bescheidene Urkunden auf, die die Ereignisse um die Eroberung Südpalästinas in den Jahren um 600 v. Chr. kommentierten: Bei den Ausgrabungen von Lachisch – einer Festung der judäischen Könige am Platze des heutigen Teil ed-Duwer – wurden in einer Brandschicht der Torwache 21 beschriebene Tonscherben, sogenannte Ostraka, entdeckt, die sich als militärische Meldungen an den dortigen Kommandanten aus den letzten Tagen entpuppten. Wir hören da vom Anrücken der babylonischen Truppen, von weitergegebenen Meldungen, vom Ausbleiben der Lichtsignale eines offenbar schon gefallenen Forts und von der Tätigkeit jener „defaitistischen“ Jerusalemer Gruppe, in der wir unschwer die um Jeremia gescharte probabylonische Opposition von Jeremia Kap. 38 Vers 4 wiedererkennen. Ein neugefundener aramäischer Papyrusbrief, den der ägyptische Archäologe Zaki Saad fern vom Schauplatz der Geschehnisse – offenbar am Sitz der empfangenen Dienststelle des ägyptischen Außenamtes – 1942 in Sakkara (dem Ort der berühmten Stufenpyramide etwa 50 km südlich von Kairo) entdeckte, beleuchtet in ähnlicher Weise schlaglichtartig die verzweifelte Lage der Kleinstaaten in der Nähe der ägyptischen Grenze angesichts der chaldäischen Bedrohung: Er stammt von einem gewissen Adon, wahrscheinlich dem Fürsten von Askalon, der in diesem Schreiben den Pharao Apries-Hophra dringend um militärische Unterstützung bittet.

Noch immer aber fehlte jede Spur einer Berichterstattung aus der Zentrale des „Aggressors“, vom neubabylonischen Hofe. Nun sind zwar die uns erhaltenen Urkunden Nebukadnezars II. (604–562 v. Chr.) ohnedies wenig an der Einzelaufzeichnung seiner militärischen Erfolge interessiert, denn dieser letzte große Herrscher Babylons war bei all seinen strategischen Fähigkeiten ein Freund des Friedens und liebte es, sich als Friedensfürst und Heilbringer nach Art seines großen Vorbildes, des altbabylonischen Königs und Gesetzgebers Hammurabi (um 1700 v. Chr.), darzustellen. Er bevorzugte daher die Berichte von seiner großzügigen Bautätigkeit an den Heiligtümern des Landes und seiner glänzenden Ausgestaltung seiner Residenz Babylon, während er sich für die Darstellung seiner kriegerischen Erfolge mit einer Art Standardbericht begnügte. Aber auch die Chroniken, die nach alter Traditon die Ereignisse der einzelnen Jahre des jeweiligen Herrschers aufzeichneten, ließen uns für seine Zeit bisher vollkommen im Stich.

Und doch war schon lange ein aufschlußreicher Text dieses Inhalts vorhanden – er lag bereits seit fast einem Jahrhundert unbeachtet und unerkannt in einem der Keilschrifttafel-Depots des Londoner Britischen Museums! Erst im vergangenen Jahr wurde er anläßlich einer Überprüfung der Bestände von D. J. Wiseman entdeckt, und das wurde nun in der Tat eine historische Sensation. Es handelt sich um vier bis dahin völlig unbekannte chaldäische Chronikabschnitte über die Ereignisse der Jahre 626–623, 608–595 und 556 v. Chr., in denen von Nabopolassar, dem Begründer der neubabylonischen Macht, von den ersten 13 Jahren Nebukadnezars und schließlich bruchstückhaft von einem – den Historiker gänzlich überraschend – Unternehmen Neriglissars in Zilizien die Rede ist. Und hier nun begegnen wir endlich der keilschriftlichen Beurkundung jener Ereignisse von 598, deren biblische Darstellung wir eingangs zitierten. Nebukadnezar meldet:

„Im 7. Jahre, im Monat Kislev, bot der König von Akkad (hier = Babylon) sein Heer auf und zog nach dem Lande Chatti (hier = Syrien). Gegenüber der Stadt der Judäer warf er sein Lager auf und eroberte am 2. Adar (6./7. Dezember 598) die Stadt. Den König (= Jojachin) nahm er gefangen, einen König nach seinem Herzen (= Zedekia) betraute er mit ihr. Ihre schwere Abgabe nahm er und ließ sie nach Babylon bringen.“