Kenneth Harris, London, im November

Nach außen hin erweckt die Regierung Eden auch heute noch den Eindruck der Stärke. Ihre 344 Unterhaussitze sind vorläufig eine sichere Brustwehr gegen den Ansturm der 277 Labour-Abgeordneten. Aber die Opposition denkt gar nicht daran, zum Rückzug zu blasen.

Drei Fragen werden an Eden gerichtet, drei Vorwürfe werden gegen ihn erhoben, einer schwerer als der andere – Vorwurf Nr. 1: Die ägyptische Aktion war ein Fehlschlag, weil die wichtigsten Ziele, Nassers Sturz und die Besetzung der Kanalzone, nicht erreicht wurden. Vorwurf Nr. 2: Die Regierung nennt heute ganz andere Gründe für ihr Eingreifen in Ägypten, als zu Beginn der Aktion (Von der Gefahr einer russischen Intervention im Nahen Osten habe Eden beispielsweise früher nie gesprochen.) Vorwurf Nr. 3: Die ganze Aktion war ein abgekartetes Spiel! Der Vorwurf des Mißerfolges erhält eine besondere Spitze durch die Verknappung des Öls. Eden war ausgezogen, um die Ölzufuhr aus dem Nahen Osten sicherzustellen, und das Resultat ist die Blockierung des Suezkanals für mindestens drei Monate und eine Ölkrise, wie England sie in Friedenszeiten noch nicht erlebt hat! Fehlgeschlagen sind aber auch die Versuche, den Nahen Osten gegen die sowjetische Infiltration abzuschirmen. Zwar sieht es im Augenblick nicht so aus, als wolle die Sowjetunion ihre Drohung, Freiwillige nach Ägypten zu schicken, wahrmachen, aber sie kann sich heute mit weit besseren Argumenten vor dem westlichen Angriff auf Ägypten als Freund und Beschützer der Araber aufspielen.

Die Anhänger Edens haben viel Aufhebens von den in großen Mengen in Ägypten erbeuteten Waffen und Fahrzeugen sowjetischer Herkunft gemacht; aber warum, so fragt die Opposition, verlor Eden kein Wort über diese angebliche „militärische Infiltration Sowjetrußlands im Nahen Osten“, bevor die englischen Truppen in Port Said landeten?

Doch weit mehr als diese Vorwürfe erregt die öffentliche Meinung die Anklage des heimlichen Einvernehmens zwischen Eden, Mollet und Ben Gurion Diese Anklage ist eindeutig, wuchtig und explosiv. Edens Tage als Premierminister wären gezählt, wenn es gelänge, diese Verschwörungsthese klipp und klar zu beweisen. (Das aber wird schwierig sein, denn die Lippen der Beteiligten sind versiegelt und ihre Aufzeichnungen – falls es welche gibt – ruhen in Geheimarchiven.)

Die Version des abgekarteten Spiels tauchte zuerst in amerikanischen Zeitungen auf. Es hieß dort, daß in den letzten Oktobertagen der Chiffreverkehr zwischen Tel Aviv und Paris so verdächtig anschwoll, daß der amerikanische Geheimdienst in einem Bericht an Präsident Eisenhower einen israelischen Angriff auf Ägypten mit Frankreichs Einverständnis voraussagte. Gleichzeitig bemerkten hohe Beamte des Foreign Office, daß ihnen Dokumente eines bestimmten Vertraulichkeitsgrades (zu denen sie üblicherweise Zugang hatten) nicht mehr vorgelegt wurden. Diplomaten befreundeter Länder fiel es auf, daß ihre englischen Kollegen das Thema wechselten, sobald vom Nahen Osten die Rede war.

Am 16. Oktober konferierten die Regierungschefs Englands und Frankreichs mit ihrem Außenminister, aber ohne andere Berater oder Zeugen in Paris. Mollet und Pineau sollen bei dieser Gelegenheit vorgeschlagen und Eden und Selwyn Lloyd ihr Einverständnis erklärt haben, daß die Israelis zehn Tage später die Sinaihalbinsel besetzen und die anglo-französischen Streitkräfte in Zypern intervenieren sollten; Zweck sei die Wiederbesetzung der Kanalzone und wenn möglich Zerschlagung der ägyptischen Streitmacht und Beseitigung des Nasserregimes.