Über den Lyriker und Erzähler Theodor Storm gibt es eine umfängliche, bis heute nicht abreißende Literatur, die mit philologischem Fleiß allen Einzelfragen seiner künstlerischen und privaten Existenz nachgegangen ist, aber eine Standard-Biographie, wie sie Herder, Kleist, Hoffmann oder Keller zuteil wurde, gab es für Storm bisher nicht. Dabei sind seit 1945 mindestens drei Ausgaben der Werke Storms erschienen; von zahlreichen Einzeldrucken seiner Novellen gar nicht zu reden, was insgesamt doch darauf schließen läßt, daß Theodor Storm nicht zu den Vergessenen zählt, wie etwa Geibel, Heyse und Auerbach, die einmal – weit mehr als er – die Lieblinge des deutschen Lesepublikums waren und sich sehr unverblümt zur Literatur rechneten.

Immerhin gehört verlegerischer Mut und etwas amtliche Unterstützung dazu, heute dem Leben und Wirken Storms einen großformatigen Band von fünfhundert Seiten zu widmen – einem Dichter (eine Bezeichnung, auf die er betont Anspruch machte), der in heimatlicher Enge – in seiner „Husumerei“, wie Fontane es nannte – und der Vergangenheit wurzelte, der in seinem Schaffen den Fragen seiner sich wandelnden Zeit aus dem Wege ging und eine bürgerliche Welt, oftmals in den Farben der Idylle, schilderte, die de facto schon damals begann, fragwürdig zu werden. Und der obendrein in seiner Prosa ausschließlich eine Kunstform, die Novelle, klassisch besinnlichen Stils pflegte, von der Verleger und Buchhändler uns mit Leichenbittermienen versichern, daß sie auf dem Büchermarkt nicht mehr gefragt sei. Alle diese Einwände gegen ihn stimmen und haben ihre Berechtigung. Warum also wird Storms trotzdem immer noch und immer wieder gelesen; warum spricht ein so anders gearteter Nachfahre, Thomas Mann, von ihm als einem Meister, der bleibt? – Weil Storm in hohem Maße die selten gewordene Gabe besaß, erzählen zu können, weil er vom gesprochenen Wort ausging, vom mündlichen Überliefern, und weil er ein Meister war im kunstvollen Aufbau seiner Novellen. – Als der Verfasser des vorliegenden Buches

Franz Stuckert: „Theodor Storm. Sein Leben und seine Welt.“ Mit 7 Abb. (Carl Schünemann Verlag, Bremen. 508 S., 19,80 DM)

1954 starb, hatten ihn die Vorarbeiten seiner Storm-Biographie fast zwei Jahrzehnte lang beschäftigt, und die Reinschrift des Manuskripts lag abgeschlossen vor. Sein Werk ist ein Musterbeispiel sorgfältigster Kleinarbeit und subtiler Einfühlung in Wesen und Denken des Dichters und seiner Zeit geworden. Etwas von dem, was dem Persönlichkeitskern Storms ausmacht, dem seine ethischen Begriffe und Urteile entsprangen, ist auf seinen Biographen übergegangen und gibt ihm die Maßstäbe seiner Bewertungen. Darin liegt Stuckerts Stärke auf dem Sektor der Einfühlung in Storm, andererseits seine Schwäche, wo es sich darum handelt, der inneren Situation der heutigen Literatur in gleicher Weise gerecht zu werden, die ihm gänzlich vom „Nihilismus, der großen Krankheit unseres Jahrhunderts“ befallen erscheint. Mit der anfechtbaren Feststellung, daß Storms „Frische und Gediegenheit sich gegen die Differenzierung und Sublimierung der Heutigen „siegreich behauptet“ habe, macht man nur augenfällig, daß derlei Vergleiche immer schief und unfruchtbar ausfallen. Es erweist sich auch hier: die Toten sind oft stärker als ihre Biographen, zwingen ihnen die Gesetze von gestern auf und lassen sie die Revenants der Vergangenheit werden. Das muß der Leser bei der Lektüre dieses sonst außerordentlich zuverlässigen, erschöpfenden und wertvollen Werkes berücksichtigen, hinter dem die Arbeit eines Lebens steckt.

e. a. g.