Auch wenn der Suezkanal bald wieder für die internationale Schiffahrt geöffnet sein sollte, bleiben die Gefahren, die die Erdölversorgung Westeuropas bedrohen, weiterhin bestehen: Die Auseinandersetzung mit der nationalistischen und „antikolonialistischen“ Bewegung in den arabischen und mohammedanischen Ländern, in der die Forderungen nach Liquidation der orientalischen Militärstützpunkte der Westmächte und nach Nationalisierung der Bodenschätze und deren Ausbeutung eine so große Rolle spielen, steht im wesentlichen erst bevor. In ihrem Verlauf sind Entwicklungen möglich, die nicht nur den im asiatisch-europäischen Seeverkehr wichtigsten Schiffahrtsweg, sondern auch die ausländische wirtschaftliche Tätigkeit in den westasiatischen Ländern und den Handel mit ihnen mehr oder weniger folgenschwer lahmlegen könnten. Einen Vorgeschmack davon gibt die Propaganda einer gewaltsamen Störung der von amerikanischen und europäischen Gesellschaften im Orient organisierten Produktion, eine Propaganda, die schon vor der britisch-französischen militärischen Aktion gegen Ägypten in den meisten arabischen Ländern auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Erst recht wird die Einschaltung der Sowjetunion in die Orientpolitik, deren massiver Charakter in der am 5. November an Großbritannien und Frankreich gerichteten Drohung deutlich geworden ist, für eine Ermutigung der arabischen Nationalisierungstendenz sorgen.

Unter diesen Umständen ist eine optimistische Einschätzung der Bedingungen, unter denen die westeuropäische Erdölversorgung aus den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens in den kommenden Jahren möglich ist, nicht am Platz. Schlechte Aussichten auf einen ungestörten Rohölbezug aus dem Orient wiegen indessen um so schwerer, als sich außerhalb der westasiatischen Erdölgebiete Westeuropa ausreichende Bezugsquellen nicht bieten. Theoretisch wären zwar die USA und Venezuela imstande, ihre Petroleumförderung zugunsten des westeuropäischen Bedarfs um etwa 15 v. H. oder 70 Mill. t im Jahr zu erhöhen – praktisch aber wird die amerikanische Erdölpolitik vom Grundsatz einer möglichst weitgehenden Schonung und „Streckung“ der eigenen Reserven geleitet, die nach der Feststellung der Geologen mit insgesamt 6,5 Mrd. t nicht groß sind und hinter denen der arabischen Länder und Persiens (über 13 Mrd. t) weit zurückstehen. Die USA decken denn auch, um eine allzu frühzeitige Erschöpfung ihrer eigenen Petroleumvorkommen zu vermeiden, einen ansehnlichen Teil ihres eigenen gewaltigen Bedarfs durch Import, der 1955 nicht weniger als 49 Mill. t oder 12 v. H. des nationalen Verbrauchs ausgemacht hat.

Der westeuropäische Mineralölverbrauch beläuft sich zur Zeit auf 16 v. H. des Weltkonsums oder auf über 120 Mill. t, wovon nur 8 Mill. t aus eigener Produktion (Österreich: 3,5 Mill. t einschl. des nach der UdSSR gehenden „Reparationsöls“, Westdeutschland: 3,15 Mill. t) bestritten werden. Rund 90 Mill. t, 75 v. H. des Konsums, bezieht Westeuropa aus den arabischen Gebieten und aus Persien. Alle europäischen Staaten, die Großverbraucher von Erdöl sind und von denen allein England, Frankreich und Westdeutschland etwa 75 Mill t brauchen, sind in ungefähr gleicher Weise auf die Petroleumzufuhr aus dem Orient angewiesen; auch die Schweiz, die im vorigen Jahr 1,9 Mill. t importiert hat, ist mit drei Vierteln ihres Bedarfs von den Lieferungen und von der Lieferfähigkeit Westasiens abhängig.

Diese Abhängigkeit ist um so größer, als sich bereits seit einer Reihe von Jahren nach Maßgabe des schnell steigenden Heizöl- und Treibstoffverbrauchs der westeuropäische Rohölbezug immer mehr vom Westen nach dem Osten verlagert hat. So haben die westeuropäischen Länder 1938, als sie erst 39 Mill. t Rohöl verbrauchten, 26 Mill. t aus Amerika und nur 8 Mil. t aus dem Orient (sowie aus Rumänien und der Sowjetunion) eingeführt; 1955 aber standen dem Import von 21 Mill. t aus Amerika mehr als 90 Mill. t aus dem Orient und der Sowjetunion gegenüber. Der Zwang, den westeuropäischen Bedarf größtenteils aus der arabischen und persischen Erdölproduktion zu decken, wird sich jedoch um so mehr verschärfen, je schneller der Heizöl- und Treibstoffkonsum wächst. Dieser Meinung ist u. a. auch der Petroleumausschuß der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC), der damit rechnet, daß sich in den nächsten fünf Jahren der Erdölbedarf Westeuropas um etwa 50 v. H. des heutigen Standes erhöhen wird. Eine auch nur dem halben Bedarf genügende Erdölversorgung Westeuropas unter Verzicht auf das westasiatische Petroleum ist somit undenkbar, selbst wenn die USA, die fast 53 v. H. der Rohölproduktion konsumieren, aber nur 44 v. H. der Weltförderung erzeugen, ihre Lieferungen vorübergehend mehr als verdoppeln könnten. – 1955 verbrauchten die arabischen Staaten und Persien von ihrer schnell wachsenden Produktion, die im vorigen Jahr 162 Mill. t betrug und für 1956 auf 170 Mill. t geschätzt wird, für eigene Bedürfnisse nur etwa 10 v. H.; mehr als 145 Mill. t standen also für die Ausfuhr zur Verfügung. An der Spitze der Produktion stehen mit 55 Mill. t das britische Protektorat Kuwait, mit 47 Mill. t Saudiarabien und mit 33,5 Mill. t das Königreich Irak. Es folgen dann Persien mit 16 und die britischen Protektorate Katr (Qatar) und Bahrein mit 5 bzw. 2 Mill. t.

Nur in einem dieser Länder, in Persien, hat bisher das orientalische Verlangen nach nationaler Verfügung über die Erdölausbeutung eine formelle Anerkennung gefunden. Nach dem Sturz Mossadeghs haben in dem Vertrag von 1954 die ausländischen Gesellschaften den persischen Besitzanspruch auf die Erdölvorkommen und die Förderanlagen hingenommen und sich mit ihrer weiteren Tätigkeit als „Beauftragte“ und Vertragspartner der „Nationalen Iranischen Ölgesellschaft“ einverstanden erklärt. Persiens Wunsch nach einem uneingeschränkten Recht auf die Verwertung seines Erdöls ist allerdings unerfüllt geblieben. Die Ausbeute seines Öls liegt heute in den Händen der British Petroleum Co. und weiterer sieben amerikanischer, französischer und holländischer Gesellschaften. Über die Erdölförderung in Saudiarabien verfügt die in nordamerikanischem Besitz befindliche Arabian American Oil Comp., über die Petroleumgewinnung in Kuwait die Kuwait Oil Comp., die je zur Hälfte der British Petroleum Co. und der amerikanischen Gulf Exploration Corporation gehört. Überwiegend in britisch-amerikanischem Besitz sind die Irak Petroleum Comp., die Mosul Petroleum Co. und die Basra Petroleum Co., die das Erdöl im Irak ausbeuten und an denen auch französisches und holländisches Kapital beteiligt ist. Inhaber der Erdölanlagen in Katr ist eine Tochtergesellschaft der Irak Petroleum Comp., die Petroleum Development Katr. Ganz amerikanisch kontrolliert ist die Bahrein Petroleum Comp. im britischen Protektorat Bahrein.

Alle diese Länder sind, wie die jüngste Vergangenheit bewiesen hat, von einer stürmischen „antikolonialen“ Unabhängigkeitsbewegung erfaßt, deren wesentliche Forderungen der Abzug der britischen Truppen aus allen arabischen Ländern und die Nationalisierung der Bodenschätze sowie deren. Verwertung sind. Selbst Kuwait, Bahrein und das Sultanat Oman, in dem bedeutende Öllager neu entdeckt wurden, lehnen sich gegen die überkommene ausländische politisch-militärische und wirtschaftliche Ordnung auf, und Englands Verbündeter im Bagdadpakt, Persien, forderte offiziell im Frühjahr 1956 von London die „Rückgabe“ der Insel Bahrein...

Der große Protektor dieses arabischen und mohammedanisch-westasiatischen „Antikolonialismus“ aber ist die Sowjetunion, deren Entschlossenheit, sich aus der im Fluß befindlichen Entwicklung der orientalischen Verhältnisse nicht ausschalten zu lassen, als eine schwerwiegende weltpolitische Realität in Rechnung gestellt werden muß. H. S.