Bonn, Mitte November

So klein Israel ist, so groß ist es als politisches Problem in den Augen der Araber. Davon konnte man sich erst kürzlich wieder überzeugen, als die in Bonn akkreditierten arabischen Diplomaten zu einer Pressekonferenz eingeladen hatten. Es war übrigens die erste, auf der sie gemeinsam auftraten und damit eine politische Geschlossenheit zu demonstrieren suchten, die in der harten Wirklichkeit der Interessengegensätze, wie die jüngsten Ereignisse gezeigt haben, mehr in der Rede als in der Tat besteht. In einem Punkt freilich sind diese sieben Länder oder wenigstens sechs von ihnen einig; in bezug auf Israel. Dieses Problem stand denn auch im Mittelpunkt des sieben Seiten langen gemeinsamen Kommuniqués, das der Gesandte Syriens, Dr. Istuany, verlas.

Es waren keine neuen Argumente, die man zu hören bekam. Aber der Eindruck, daß es sich für die Araber dabei nicht um einen Vorwand zur Verhüllung anderer Absichten, sondern um eine echte, in ihren letzten Gefühlsverzweigungen beinahe animalische Furcht handelt, verstärkte sich in dem darauffolgenden Gespräch. Man hat auf arabischer Seite offensichtlich nicht nur vor der weit überlegenen Bewaffnung Israels Angst (die man ja mit der Zeit ausgleichen könnte), sondern weit mehr vor den enormen Fähigkeiten dieser Rasse, mit denen es die Araber im Kampf um die Existenz nur schwer aufnehmen können.

Es muß für die Araber – das spürte man – eine unheimliche Vorstellung sein, zu sehen, wie da in ihrer Mitte eine fremde Bevölkerung durch immer neuen Zuzug und den natürlichen Geburtenüberschuß rasch anwächst. „Das enge Palästina mit seinem kargen Boden kann keine Lösung der jüdischen Frage bringen“, war das Resümee jener Betrachtungen. In dem Mißverhältnis zwischen dem heute kaum noch ausreichenden Lebensraum Israels und dem morgen benötigten, wurzelt das arabische Sicherheitsbedürfnis.

Die Bevölkerung auf dem Gebiete Israels hat sich in wenigen Jahren fast verdoppelt. Heute leben dort 1,8 bis 1,9 Millionen Menschen, zur Zeit des Palästinamandats waren es ungefähr 1 Million. Nur ein schmaler 10 bis 20. Kilometer breiter Küstenstreifen und das sehr fruchtbare Galiläa haben landwirtschaftlich wertvollen Boden. Die Zuwanderung aber ist das Lebensgesetz Israels. Ohne das Ziel, den vielen auch heute noch in weiten Gebieten Osteuropas bedrängten Juden eine neue Heimat zu geben, muß dieser Staat, der aus einer Idee geboren wurde, die dann durch gräßliche, vorher nicht geahnte Erfahrungen eine bedrückende Aktualität bekam, verkümmern. Aber gerade die Verwirklichung dieser Lebensidee des jüdischen Staates verschärft die Gegensätze und Spannungen im Nahen Osten und schafft einen Zustand gegenseitiger Furcht: der Juden vor den Arabern und der Araber vor den Juden. Eine realistische, für beide Seiten annehmbare Lösung wurde bisher von niemandem vorgeschlagen.

Es zeigte sich wieder, wie sehr die deutschen Wiedergutmachungsleistungen an Israel unsere Beziehungen zu den arabischen Ländern belasten. Man erblickt auf arabischer Seite in ihnen heute die „Begünstigung eines kriegsführenden Teils“ und will auch nicht den Einwand gelten lassen, daß ja keine kriegswichtigen Güter geliefert werden. Eine Unterscheidung zwischen kriegswichtigen und nichtkriegsnotwendigen Gütern sei im technisierten Krieg kaum möglich, und im übrigen seien Petroleum und Stahl in einem modernen Krieg sicherlich kriegswichtig. Wieder drängte sich der Gedanke auf, dem seinerzeit auch hier Ausdruck gegeben worden war, ob die große Wiedergutmachungsschuld Deutschlands gegenüber den Juden nicht besser durch Leistungen (in gleicher Höhe) an die einzelnen Geschädigten und ihre Erben sowie an eine jüdische Weltorganisation hätte erfüllt werden sollen.

Moskau, das sich nun endgültig für die arabische und gegen die jüdische Karte im Spiel um den Nahen Osten entschieden zu haben scheint, schmeichelt damit in einer für den Westen sehr gefährlichen Weise arabischen Wunschvorstellungen. Zwar gewann man in jenem Bonner Gespräch den Eindruck, daß man sich auf arabischer Seite, wenigstens in den Führungsschichten, der Gefahr einer zu engen Kollaboration mit der Sowjetunion bewußt ist. Das ungarische Exempel ist für den in Bonn residierenden arabischen Diplomaten eine sehr viel aufrüttelndere Warnung, als für den Durchschnittsaraber in Syrien oder Ägypten, der den Ereignissen in Osteuropa so fern ist.