J. B., Wien, im November

Wir wollen vorausschicken, daß wir nicht unbedingt zu den Moralisten gehören. Wir finden es weder unbegreiflich noch dumm, wenn die Menschen in ihrer Besorgnis, es könnte wieder zu einem großen Krieg kommen, ihre Warenvorräte ergänzen. Es ist offensichtlich ein kleineres Malheur, wenn man Schokolade daheim hat und kein Krieg kommt, als umgekehrt – auch wenn die vorsorglich gekaufte Schokolade dann zusätzlich verbraucht wird und die Kinder gute Tage haben.

Es ist nicht zu leugnen, daß es in Wien an einigen Tagen recht ängstlich zuging. Die blutende Grenze ist sehr nahe, jeder Tag bringt neue Flüchtlinge und neue Gerüchte. Eine Wechselwirkung zwischen den Ereignissen in Ungarn und am Suezkanal wird immer deutlicher ...

Ist es da erstaunlich, daß die Menschen Angstkäufe machen? In Vorarlberg, am anderen Ende des schmalen Staates zwischen den Welten, hat man übrigens das gleiche getan, und zwar auf Grund der Aufrufe des Schweizer Rundfunks, der, wie immer in solchen Zeiten, das Publikum direkt zur Vorratshaltung aufgefordert hat. Man hält dort offenbar eine privat verteilte Reserve für besser als nur Lager im Handel. In Salzburg, Innsbruck und vor allem, auf dem Lande war die Stimmung sanfter. Aber auch hier haben die Kaufleute erhebliche Umsätze gemacht, und dabei auch einige Preiserhöhungen anbringen können.

Begehrt waren vor allem Öl und Reis, Zucker und Teigwaren, in stärkstem Maße Tee und Gewürze, weniger dagegen Kaffee und Kakao, jedoch reichlich Margarine und Sardinen; überhaupt Konserven aller Art – und, besonders in Wien, Strapazierschuhe! Dachten die Menschen wieder an Flucht? Wohin hätten sie fliehen sollen – auch die Autobesitzer, die auffällig oft an die Tankstellen fuhren? Begehrt war weiter, wie immer in solchen Zeiten, das kleingestückelte Gold, vor allem Dukaten, die in Österreich im Goldhandel frei zu haben sind und plötzlich nicht mehr zu haben waren.

Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, die Menschen taten es auch. Die Beanspruchung der Nationalbank war übrigens nicht so enorm; in der legten Oktoberwoche wurden 1080 Mill. S in Banknoten ausgegeben, und in der ersten Novemberwoche sind bereits 400 Mill. zurückgekehrt; die Beanspruchung zum Monatsende war nur um 200 Mill. größer als Ende Oktober 1955, die Rückkehr Anfang November aber so hoch wie in der gleichen Vorjahreszeit. Mit den zweihundert Millionen hat man allerdings diesen „Stoßbedarf“ (im peinlichsten Sinne des Wortes) nicht gedeckt, da müssen sehr schöne Barbestände bei den Geldanstalten und in den Haushalten selbst vorhanden und verbraucht worden sein. Vor allem sind wohl private Weihnachtsreserven in großem Umfang angegriffen worden.

In diesem Zusammenhang ist aber folgendes zu erwähnen: Der freie Kurs für Schillingnoten in Zürich, im Sommer mit 16,50 Franken je 100 Schilling in der Nähe des offiziellen Devisenkurses (16,75/80), der bereits Mitte Oktober bei netto 16 stand, war ziemlich abgesunken und hält zur Zeit auf 15,80. Die psychologische Grenze liegt bei 16. Bewegungen oberhalb dieser Linie interessieren nur die Fachleute, geht es darunter, so spricht man jedoch in Österreich recht allgemein darüber. Dabei tut man diesem Kurs unbedingt zuviel Ehre an. Der Zürcher Markt für Schillingnoten ist eng; jeden Sommer steigt mit dem Bedarf für den Fremdenverkehr der Kurs, im Herbst geht er dann wieder zurück. Wenn ungewöhnliche Umstände dazukommen, sind die Ausschläge größer. Im Vorjahr haben die Sowjets den Kurs gedrückt, weil sie in Zürich vom Schillingerlös aus der Übergabe ihres ostösterreichischen Konzerns andere Valuten gekauft hatten, heuer kam der westpolitische Druck dazu. Die österreichische Nationalbank hat aber bisher offenbar keinen Grund gesehen, zu intervenieren, obwohl hierzu wegen der Marktbegrenzung keine großen Beträge notwendig wären.

Von den Ereignissen wurde die eben zur Zeichnung aufliegende „6 1/2prozentige Investitionsanleihe“ in Mitleidenschaft gezogen. Man hat von vornherein nur einen kleinen Betrag von vierhundert Millionen aufgelegt, also wirklich wenig für eine Anleihe des Bundes unter einem so anspruchsvollen Titel. Man hat es auch an Propaganda nicht fehlen lassen und dabei zuzeiten recht deplaciert gewirkt, wenn etwa am Ende einer Reihe von Schreckensnachrichten aus Ungarn noch „eine wichtige Mitteilung“ in Form eines Aufrufs zur Zeichnung der Anleihe im Rundfunk durchgegeben wurde. Das Publikum hatte aber in derselben Zeit sein Geld, wie gesagt, für Öl und Reis und Strapazierschuhe ausgegeben. Nun hat man die Zeichnungsfrist bis 20. November verlängert, und das Ergebnis wird trotzdem klein sein, d. h. die Banken werden, wie schon manches Mal, den größeren Teil behalten müssen, und das wird ihnen gerade jetzt, angesichts der allgemeinen anderen Beanspruchung, nicht leichtfallen...