Amerika wurde nicht nur einmal entdeckt. Wohl gibt es kaum einen Europäer, der nicht bündig darüber Auskunft zu geben wüßte, was man von der Neuen Welt und ihren Bewohnern zu halten hat, dessen Amerika-Bild nicht feststände, klipp und klar. Sobald unser Europäer aber selbst seinen Fuß auf den Boden jener verhaßten oder gepriesenen Neuen Welt setzt, bricht das Vorstellungsbild zusammen wie ein Kartenhaus und es beginnt ein neues, ein ganz privates Kapitel der permanenten Entdeckungsgeschichte des nordamerikanischen Kontinents.

Ist der Europäer ein Schriftsteller, dann bleibt das Kapitel nicht privat. Dann entsteht ein Amerika-Buch, das sich einreiht in die lange Kette seiner Vorgänger – der Vorgänger, zu denen in jüngster Zeit Robert Jungks „Die Zukunft hat schon begonnen“ und Peter von Zahns „Fremde Freunde“ gehören. Jedes Buch über die Neue Welt, das heute auf dem deutschen Markt erscheint, muß es sich wohl oder übel gefallen lassen, an diesen Vorgängern gemessen zu werden. Sie haben den Standard gesetzt, und er ist nicht niedrig. – Eine Reportage nennt sich und ist (in bestem Sinne) das Buch des Chefredakteurs der Schweizer „Weltwoche“:

Lorenz Stucki: „Im Greyhound durch Amerika.“ Alfred Scherz Verlag; 207 S., 10,50 DM.

Stucki fuhr auf eigene Faust – und mit eigenen Mitteln – in die Vereinigten Staaten, wurde nicht „herumgereicht“ und suchte sich das, was er sehen wollte, selber. Und er sah gründlich – nicht nur die Fassaden, sondern auch die Räume und Höfe, die dahinter liegen. Was er schreibt, kommt aus erster Hand, und aus der Fülle des häufig scheinbar nur beiläufig Aufgenommenen und Wiedergegebenen fügt sich ein geschlossenes Gesamtbild, in dem das Erklärliche erklärt und das Ungereimte ungereimt belassen wird. Wer viel von Amerika, von Stadt und Land, vom Osten und Westen, von Menschen und Politik erfahren und sich auf keiner Seite langweilen will, der steige zusammen mit Stucki in diesen Greyhound-Bus. – Anders als seinem Schweizer Kollegen erging es dem deutschen Journalisten Ingensand: Er wurde herumgereicht. Darüber schrieb er ein Buch:

Harald Ingensand: „Amerikaner sind auch Menschen.“ Steingrüben Verlag, Stuttgart; 196 S., 9,80 DM.

An diesem forschen Gewaltmarsch durch das Fremdenverkehrs-Amerika, an diesem unausgesetzten Bombardement mit Banalitäten und Verallgemeinerungen und an diesem Kraftmeiertum der Sprache wird kaum ein Leser rechtes Gefallen finden. Ein leider mißglücktes Buch aus einem Verlag, der sonst, vor allem in seiner Länder-Reihe, Besseres bietet. – Über den dritten Band, den es hier anzuzeigen gibt, läßt sich Günstigeres sagen. Er präsentiert sich als scharfe Analyse aus der Feder eines Wissenschaftlers, der die Bewohner der Neuen Welt beobachtet hat, wie kaum einer vor ihm:

Geoffrey Gorer: „Die Amerikaner. Eine völkerpsychologische Studie.“ Rowohlts deutsche Enzyklopädie; 217 S., 1,90 DM.