Melbourne, Mitte November

In Melbourne hat ein Kaufmann sein Schaufenster mit fünf Kränzen, die wie die fünf olympischen Ringe ineinander verschlungen sind, dekoriert. Vor wenigen Tagen noch schien er der einzige zu sein, der eine dem olympischen Geist entsprechende Dekoration gewählt hatte; denn damals schwirrte die Luft noch von Gerüchten, die Mannschaft dieses oder jenes Landes sei zurückgezogen worden. Nur wenige Sprinter patschten damals über die schmutzige Übungsbahn.

Seit aber der Herzog von Edinburgh die Spiele am vergangenen Donnerstag eröffnet hat, sieht es schon ganz anders aus. Der reibungslose Ablauf der Wettkämpfe ist nicht so sehr durch internationale Krisen als vielmehr durch den örtlichen Transportarbeiterstreik gefährdet.

Den ungarischen Sportlern allerdings und ihrem Begleitpersonal scheint Verzweiflung die Kraft genommen zu haben, energisch gegen die Teilnahme der Sowjets zu protestieren. Viele von ihnen tragen über den Nationalfarben ihres Mannschaftsabzeichens einen Trauerflor. Sie haben australischen Journalisten gegenüber ganz offen über ihre Lage gesprochen. Manche möchten gern in Australien bleiben. Die olympische Stadt ist zum Asyl für Tausende ihrer Landsleute geworden. Da aber die meisten Frauen oder Familien in Ungarn zurückließen, beschränkt sich ihr Protest darauf, den Russen konsequent aus dem Wege zu gehen. Die Russen dagegen gehen niemandem aus dem Wege. Es macht ihnen eine kindliche Freude, den Angehörigen anderer Mannschaften Autogramme zu geben, wobei einer der sowjetischen Leichtathleten seiner Unterschrift jedesmal die Worte „Mein lieber Freund“ voransetzt. Sie geben den Australiern – also den Angehörigen eines Landes, das mit der Sowjetunion seit der Petrow-Affäre keine diplomatischen Beziehungen unterhält – Wodka-Parties und tauschen ständig kleine Münzen mit den Vertretern anderer Länder aus.

Im allgemeinen ist ihr Auftreten mustergültig. So verlief zum Beispiel das Wasserballspiel zwischen den Sowjets und den Amerikanern in freundlichster Atmosphäre. Obwohl bei diesem Spiel die „Unterwassersabotage“ gewissermaßen zur Spieltechnik gehört, kam es kaum vor, daß ein Russe unter Wasser nach amerikanischen Beinengrabschte.

Die sowjetischen Schlachtenbummler – sie traten geschlossen auf und sahen aus wie die Komparserie eines Filmes über die Bergwerke des Donez-Beckens – applaudierten jedem amerikanischen Treffer so höflich wie Schuljungen, die ihren Vätern beim Spiel zuschauen. Dagegen zeigten die zur Unterstützung ihrer verlierenden Mannschaft herbeigeeilten Amerikaner sehr viel weniger nationale Zurückhaltung. Bei den Spielern selbst bestand der einzig erkennbare Unterschied darin, daß der amerikanische Trainer in der Spielpause zu seinen Schwimmern etwa in der Art sprach, in der Chruschtschow zu westlichen Diplomaten zu sprechen pflegt.

Das durchaus nicht unwahrscheinliche Aufeinandertreffen der Sowjetunion und Ungarn zu den Endspielen im Wasserball könnte das diplomatische Ereignis der Spiele von Melbourne werden. Dabei hat der Veranstalter keine Mühe gescheut, politischen Unerfreulichkeiten während der Wettkämpfe vorzubeugen. Das entspricht auch durchaus den Wünschen der australischen Bevölkerung: Wenn die Pferderennen schon unterbrochen werden müssen, dann wenigstens von einem anderen Sport und nicht von einem Haufen miteinander streitender Ausländer. Die Australier, die den sowjetischen Passagierdampfer Gruzia bei seiner Ankunft in Melbourne begrüßten, waren denn auch bei weitem nicht alle Angehörige der Gesellschaft für australisch-sowjetische Freundschaft.