Zu einem indischen Roman

In einem deutschen Roman über den zweien Weltkrieg findet man das Wort von der „eigenen Belanglosigkeit im Angesicht einer Welt, welche so, wie sie nun einmal ist, hingenommen werden muß“. Dieser doch sehr abendländische Kommentar, könnte erstaunlicherweise einem Buch aus der östlichen Welt voranstehen, das im lautstarken Angebot des herbstlichen Büchermarktes bisher fast unbeachtet geblieben ist. Doch ist

Kamala Markandayas „Nektar in einem Sieb“ (Biederstein Verlag, München; 270 S., 11,80 DM)

kein unwichtiges Buch. – Die Autorin erzählt die Geschichte Rukmanis und ihres Mannes Nathan – arme Reisbauern in einem südindischen Dorf. Ist es überhaupt eine Geschichte? Ohne wirkliche Handlung, ohne Höhepunkt, ohne dramatischen Konflikt; aber mit jener Handlung, jener Dramatik, jenen Höhepunkten, die jedes Leben birgt. Ein Stück anspruchsloser, unabwendbarer Alltäglichkeit ist hier eingefangen.

Diese Menschen bewegen sich in dem ursprünglichen Raum des noch greifbaren Lebens: zwischen Aussaat und Ernte, einmal für allemal. Da ist die Erde, das Land, von dem sie abhängen in unentrinnbarer Verbundenheit: die grünen Paddyfelder, der kleine Garten mit Kürbissen und süßen Kartoffeln, hinter der Erdhütte mit dem Dach aus Palmblättern, wo sie wohnen. Da sind die täglichen Hantierungen, gesittet und gemessen bei aller Armut, und die Gezeiten des Jahres, der Jahrzehnte, denen sie unterstehen. Da sind die spärlichen Freuden: die Geburten der Kinder, des Mädchens Ira und der sechs Söhne, Hochzeitsfeierlichkeiten, Deepavali, das Fest der Lichter; eine gute Ernte, bei der Rukmani Vorräte zurücklegen kann: Reis, Linsen, Pfefferschoten. Da ist vor allem die Not: Regennot und Dürre, der Reis kann nicht reifen, der Hunger kommt wieder, immer wieder, Krankheiten kommen, der Tod. Immer von neuem wird die Hoffnung zerschlagen, immer von neuem verstärken sich die Fäden der Geduld. Alles wird Rukmani genommen, Haus und Heimat, Besitz, die Kinder, zuletzt der Gefährte, den sie mehr als alles geliebt hatte – „Ich sammelte die zerbrochenen Stücke meines Lebens auf und legte sie aneinander“, sagt Rukmani zum Schluß, – und unversehens erglänzt in den armen Scherben der Himmel. Die geplagten Menschen dieses Buches sind zu demütigen Helden geworden; sie ertragen das Leben, ohne zu rebellieren, ohne zu verzweifeln.

„Nektar in einem Sieb“ ist kein eigentlich bedeutendes Buch. Es verdichtet die Wirklichkeit nicht, es erzählt von ihr. Es ist ohne poetische Vehemenz, ohne Lust am Problem, es läßt daher – wenn man so will – den Intellekt unbefriedigt, es zwingt zu keiner kritischen Auseinandersetzung, es bürdet dem Leser nichts auf – nichts außer der Bürde des Mitgefühls mit dem Bruder Mensch. Daher bekommt es sein Gewicht, dieses Buch, das unserem verstiegenen Anspruch an das Leben seine stille Lehre gibt. Barbara Bondy