Von Waldemar Ringleb

In letzter Zeit hört man häufig die Anregung, die Schwierigkeiten, die durch die ständige Aktivierung der deutschen Zahlungsbilanz entstanden sind, sollten dadurch aus der Welt gebracht werden, daß die deutsche Wirtschaft die großen Währungsreserven der Zentralbank für einen verstärkten Kapitalexport einsetzt. Es sei wenig sinnvoll, diese Währungsguthaben in Form niedrig verzinslicher Kredite zu verwenden, indem (auf den ausländischen Geldmärkten) Schatzwechsel und Schatzanweisungen fremder Regierungen angekauft werden. Besser wäre es, die Währungsreserven für einen Export von Kapital, das gute Erträge bringt, zu benutzen. – Sehr viel weiter gehen solche Überlegungen im allgemeinen nicht; würden sie zu Ende gedacht, dann müßte sich ihre Problematik herausstellen. – Es kann sicher nicht die Aufgabe einer Notenbank sein, ihre Aktiven, die in erstklassigen (kurzfristigen) Geldmarktpapieren von Ländem mit konvertibler Währung bestehen, in die Form langfristiger Darlehen an Länder mit weniger gefestigter Währung umzuwandeln, selbst wenn diese hohe Zinsen zahlen sollten. Es fällt auch keinem Privatmann ein, der nur einigermaßen auf Sicherheit und Liquidität schaut, ein Guthaben bei einer erstklassigen schweizerischen oder amerikanischen Bank in ein langfristiges Darlehen an ein Institut minderer Bonität in einem Lande, das unter laufenden Devisenschwierigkeiten zu leiden hat, umzuwandeln. Für die Notenbank, die nur beste und sicherste Geschäfte eingehen darf und bei der spekulative Erwägungen nicht Platz greifen dürfen, kommt das überhaupt nicht in Frage. Um diesem Einwand zu entgehen, wird hin und wieder die Zwischenschaltung eines anderen Instituts, zum Beispiel der Golddiskontbank, empfohlen. Diese müßte alsdann auf dem deutschen Kapitalmarkt D-Mark-Darlehen aufnehmen und damit bei der Notenbank Dollar, Pfunde oder sonst eine Währung kaufen, um diese an ein drittes Land auszuleihen. Heute kämen bei den hohen Zinssätzen, die in Deutschland bezahlt werden müssen, bei dem Zuschlag für die Abdeckung des Risikos (und schließlich auch noch dem Gewinn- und Bearbeitungszuschlag) Zinsbelastungen heraus, die kein Land der Welt zu tragen in der Lage wäre.

Besser als spekulative Überlegungen sind Erfahrungen für das Finden des richtigen Standpunktes geeignet. Man muß davon ausgehen, wie sich von jeher ein echter Kapitalexport gestaltet hat. Dieser erfolgt fast niemals dadurch, daß der Gläubiger auf den Markt geht, um irgendeinem problematischen Schuldner sein Geld aufzureden; die Dinge verlaufen genau umgekehrt. Die Wirtschaft eines Landes, das Kapitalgüter kaufen will, die es im Augenblick noch nicht bezahlen kann, tritt vielmehr an den Kapitalmarkt des Auslandes heran, um eine Anleihe aufzunehmen. Damit gewinnt es Kaufkraft, die es dazu benutzt, um Investitionsgüter im Lande des Kapitalgebers einzukaufen. Eine solche Schuldaufnahme erfolgt dann auch nicht in Devisen irgendeines dritten Landes, sondern in der Währung des Gläubigers. Für einen sihnvollen Kapitalexport kommt es daher gar nicht so sehr darauf an, ob wir große Devisenreserven besitzen oder nicht – entscheidend ist allein, ob auf dem deutschen Kapitalmarkt Auslandsanleihen untergebracht werden können. Ist dies der Fall, dann führt ein solcher Kapitalexport aber auch nicht zu einer Passivierung der Zahlungsbilanz, sondern im Gegenteil zu ihrer weiteren und ständigen Aktivierung. Es wird also genau das Gegenteil von dem erreicht, was die Befürworter eines Kapitalexports im Augenblick anstreben. Aber solche Überlegungen sind zur Zeit theoretischer Natur, einfach, weil auf dem deutschen Kapitalmarkt bei dem derzeitigen innerdeutschen Kapitalbedürfnis und bei der Rechtsunsicherheit, die für die Anlage von Geld, vor allem in unterentwickelten Gebieten, noch besteht, eine Auslandsanleihe gar nicht untergebracht werden kann. Notenbankkredite aber müssen für derartige Finanzierungen völlig ausscheiden; wohin das führt, haben uns schließlich die Erfahrungen der dreißiger Jahre zur Genüge gezeigt.

Ein Kapitalexport in Devisen steht dann zur Diskussion, wenn es sich darum handelt, im Ausland Beteiligungen zu erwerben, Niederlassungen oder eigene Montagewerke zu gründen u. ä. m. Dafür aber kommt in der Regel nur die Währung des betreffenden Landes in Frage. Für solche Zwecke steht den deutschen Unternehmen schon seit längerer Zeit jeder gewünschte Devisenbetrag zur Verfügung, sofern sie ihn gegen D-Mark von der Notenbank erwerben können. Der Bundesverband der deutschen Industrie weiß zu berichten, daß die westdeutsche Wirtschaft bereits Auslandsinvestitionen in Höhe von rund 1,2 Mrd. DM vorgenommen hat, und daß dieser Betrag als hoch erscheinen muß, wenn man die „Reservearmut“ der Betriebe und die Höhe der inländischen Investitionen berücksichtigt, die in der gleichen Zeit durchgeführt werden mußten. Zwar entlasten solche Investitionen im Augenblick die Zahlungsbilanz; sie führen aber auch gleichzeitig zu einer Erhöhung der Kaufkraft unserer Handelspartner, die diese dazu verwenden, um im Ausland, so auch bei uns, einzukaufen – ganz abgesehen davon, daß derartige Investitionen vor allem dem Zweck dienen, unsere Exportsituation zu festigen oder Rohstoffbezüge zu sichern. Auch hier zeigt es sich, daß Kapitalexport, auf längere Sicht gesehen, eine Zahlungsbilanz nicht passiviert, sondern im Gegenteil tendenziell aktiviert. Wäre es anders, dann müßten zum Beispiel die USA, die heute das größte Kapitalexportland darstellen (oder in der Vergangenheit England, das einmal in der ganzen Welt Kapital anlegte), unter einer ständigen passiven Zahlungsbilanz leiden. Das Gegenteil aber ist der Fall.

In der rein wirtschaftlichen Sphäre läßt sich also das derzeitige Zahlungsbilanzproblem durch eine künstliche Forcierung des Kapitalexportes niemals lösen. Dazu bedarf es ganz anderer Mittel, nämlich der Schaffung einer innerwirtschaftlichen Stabilität bei denjenigen Ländern, die unter einer passiven Zahlungsbilanz leiden. Sie müssen danach selbst streben, durch Sparsamkeit den Import zu mindern und durch Leistungen den Export zu kräftigen. Nur ein Land, das eine solche Politik betreibt, kann damit rechnen, daß seiner Wirtschaft vom Ausland Kredite zur Verfügung gestellt werden. Aber auch in einem solchen Falle wäre es widersinnig, wenn Deutschland einem solchen Lande Dollar leihen wollte. In Frage kommen hierfür ausschließlich D-Mark-Kredite.

Auch der politisch bedingte langfristige Kredit an „Entwicklungsländer“ – von dem in der letzten Zeit immer wieder die Rede ist –, kann letzten Endes nur in der Währung des Gläubigerlandes gegeben werden. Warum aber sollte der Fiskus Steuergelder oder Anleiheerlöse thesaurieren, um damit Devisen, also z.B. Dollars, von der Notenbank zu kaufen, die er dann an das Ausland ausleiht? Die Folge wäre nur, daß sich die Wirtschaft des so mit unserem Gelde begünstigten Landes nach den USA, als seinem Einkaufslande, und nicht nach uns orientierte. Das aber kann nun wirklich nicht das Ziel unserer Wirtschaftspolitik sein. Schließlich haben auch die USA ihre Auslandshilfe in Dollar gewährt. Die Export-Import-Bank gibt von jeher nur Dollarkredite, mit denen in den Staaten eingekauft werden soll. Auch diese Beispiele zeigen, daß die Kapitalausfuhr immer wieder die heimische Wirtschaft stützt. Aus diesem Grunde wird sie betrieben und nicht etwa, um die Zahlungsbilanz zu passivieren!

Damit soll nun allerdings nicht verneint werden, daß unsere großen Währungsreserven gute Dienste leisten können, wenn es darum geht, einem unserer Handelspartner dabei zu helfen, der Inflation im eigenen Lande Einhalt zu bieten und seine Zahlungsbilanz in Ordnung zu bringen. In einem solchen Falle muß (eventuell...) die Notenbank des betreffenden Landes einen Kredit aufnehmen, um eine Anlaufstrecke überwinden zu können. Dafür steht in erster Linie der Internationale Währungsfonds zur Verfügung. Länder mit gesunder Währung müssen dann aber vielleicht noch ein übriges tun, was sie aber nur vermögen, wenn sie ausreichende Währungsreserven im Rückhalt wissen. Das alles aber sind dann Vorgänge, die sich im rein monetären Bereich abwickeln und die daher auch (notwendigerweise) kurzfristiger Natur sind. Mit einem Kapitalexport haben sie nicht das geringste zu tun, Dieser vollzieht sich vielmehr ausschließlich in der Sphäre wirtschaftlicher Handelsbeziehungen und läßt sich daher auch nur mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen fördern oder bremsen – je nachdem, wie dies erforderlich erscheint. D-Mark-Beträge und Devisen spielen hier nur insoweit eine Rolle, als sie die Durchführung der dabei notwendig werdenden Zahlungsvorgänge ermöglichen.