Ungarn-Diskussion auf dem Ostberliner Jugendforum

Von Sabina Lieizmann

Berlin, Ende November

Das Präsidium des siebenten Ostberliner Jugendforums war aufs beste präpariert. Acht Herren und eine Dame, Spitzenfunktionäre aus FDJ und SED, darunter als wortgewandtester der frühere Informationschef Gerhart Eisler, saßen fast tausend Berliner Jungen und Mädchen gegenüber, unter denen die Uniformierten der nationalen Streitkräfte diesmal besonders zahlreich vertreten waren.

Zu Beginn der Diskussion: verlegenes Schweigen. ’Dann erhob sich ein Junge: „Wie war der Lebensstandard des ungarischen Volkes vor der Erhebung?“ Und damit war dann das Thema des Abends angeschnitten, das Generalthema, in das sich die Diskussion in den folgenden zweieinhalb Stunden hartnäckig verbiß.

Warum meuterte die Armee?

Das Präsidium, hatte die Frage offensichtlich erwartet, vielleicht sogar bestellt, wenngleich der Ausdruck „Erhebung“ eine westlich infizierte Sprachentgleisung war. Nacheinander gaben die Herren und die Dame Antwort, einander die Argumente weiterreichend. Einmütig hatten sie bei ihren Besuchen in Ungarn die Beobachtung gemacht, daß der Lebensstandard dort niedrig gewesen sei – weit niedriger als in der DDR, wie jeder eilig beteuerte –, so daß die Forderungen der Werktätigen berechtigt waren. Hätte die Partei rechtzeitig eingesehen, daß man zu schnell und heftig industrialisierte, ohne für ausreichende Konsumgüter zu sorgen, so hätte die Unzufriedenheit nicht demonstrativen Ausdruck finden müssen. Aber noch immer wäre alles gutgegangen, hätten faschistische Putschisten – über Österreich eingeschleust – nicht die berechtigte Unzufriedenheit ausgebeutet.