Eine verschlossene Muschel, ein taubes Ohr dieses Schillertheater. Man sollte den Architekten damit bestrafen, daß er jeden Abend in der letzten Reihe, Parkett, den neuesten alten Raimund mitanschauen müßt’, mit anhören vielmehr, denn es liegt nicht nur am Steinboeck, unserm zuverlässigen Wiener Regisseur, daß „Der Bauer als Millionär“ nicht „rüber“kommt. Die Musik klingt wie von einem erweiterten Kaffeehaus-Ensemble, und auch das liegt nicht nur am erprobten Kurt Heuser. Wohl allein der lieblichen Johanna von Koczian gelingt der Kontakt, wenn sie zusammen mit Hellmer, der den Fortunatus Wurzel macht, das Brüderlein fein ...“ singt. Diese kleine, pulslebendige Person, die zur gleichen Zeit in Steglitz die Anne Frank spielt, hat eine so günstig modulierende Stimme, daß sie allein das akustische Njet dieser Bühne überstimmt. Das „Romantische Original-Zaubermärchen mit Gesang in drei Aufzügen“ bleibt aber auch deshalb ein mit kalter Schere ausgeschnipselter Bilderbogen reizender Interieurs, weil Steinboeck das große Haus mit einer Ausstattungsievue füllen wollte, die zwar manchmal amüsiert, wenn noch ein Puttchen und noch ein Elfchen aus der Luft heranschwebt, die aber doch „da drinnen“ gleich gar nix bewegt, wo’s doch grad beim Raimund sitzen sollt. Hätte er nur mehr gestrichen, noch und bearbeitet und im Tempo zugelegt dann und wann, dann war es nicht ganz so verschlafen, so museal, so synthetisch ausgefallen. Zaubermärchenhaf: romantisch die Ausstattung, die Bühnenbilder von Jörg Zimmermann‚ hübsch die Tänze. Ein Bravourstück als ehemaliger Kuhhirte und avancierter Kammerdiener bei Wurzel: Klaus Miedel. Sehr originell die Hauptrolle, raunzig durchgewurzelt: Karl Hellmer. Graziöse, witzige Einzelleistungen die Fülle, kein Versager, dennoch nicht das wahre Glück, das uns die Wiener hier sonst so gererös bieten. Aber Haupthandicap: diese gräßliche Akustik.

Viel feiner Spaß dagegen in der Komödie. Abermals. Nach „Küß mich, Kätchen“ und „Schieß nich, Tell“ mit „Keine Angst, sie kriegen sich!“ Ein himmlisch alberner Ulk, der drei Stunden Sauna ersetzt, wenn man sich entschließt, einfach die ganze Zeit vor sich hin zu jickern. Hat man sein treuteutsches Theatergewissen („Moralische Anstalt!“ Se wissen schon ...) in der Garderobe abgegeben, gelingt das freilich leichter. Abermals eine Satire auf den lieben dummen Filmbetrieb in Kalifornien, wo die Autoren die Woche zweitausend Dollar kriegen, wenn sie sie kriegen, aber: Keine Angst, sie kriegen sie! Ein solches Drehautorenteam sind hier die Darsteller Müller und Neuß, und die das Stück schrieben, die kennen sich aus, es sind die „Musikkel-Bestseller“ Samuel und Bella Spewack (Kiss me, Kate – Leave it to me – Festival). „Boy meets girl“ heißt der Ulk unnachahmlich knapp und sicher im Original. Leonhard Steckel arrangierte die meist vom Kabarett kommenden Damen und Herrn, soweit das Ganoven-Autoren-Paar denen was zu spielen übrig läßt. Sie sind wie in den beiden Stücken zuvor auf den gleichen Brettern große Klasse. Freilich, noch ein Grad Fahrenheit mehr und die Sache überkugelt, rutscht ab. Wieder dominiert Neuß, wieder ist Müller der bessere Darsteller. Dagmar Altrichter in kleiner Rolle souverän.

Anscheinend zwingt der Zug zum Komischen auf der Berliner Bühne dieser Wochen die Seriösen ins Windige. Wie konnte es sonst zu einer „Mirandolina“ von Maria Wimmer kommen? Sie macht diese Goldoni-Wirtsfrau rund und recht und nicht einmal viel zu schwer, aber für die vom Autor gemeinte Locandiera hat sie einfach zu viel Volumen. Sonst ist diese genaue und intelligente Inszenierung des Hausherrn im Theater am Kurfürstendamm, des Haupt- und Oberwahlberliners Oscar Fritz Schuh aus Wien, leuchtend genug besetzt und richtig dazu. Vor allem Hubert von Meyerinck ist ein exceptioneller Marchese di Forlipopoli ohne Geld und lüstern allzeit. Hauptrolle Leopold Rudolf aus Wien, der alte Hagestolz, den Mirandolina rumzukriegen hat. Keine Angst, sie kriegen sich rum... Rudolf schraubt zu sehr, zu kunstvoll an der Komik seiner Rolle, so überdreht er sie. Dennoch bleibt er immer sehenswert, besonders im zweiten Teil. Auch hier allerdings, alles in allem, nicht das Ganze – wie beim Raimund auch. Von solcher Art hatten wir gelungenere Neuerscheinungen alterprobter Texte. Steinboeck und Schuh, Theatermänner ersten Ranges beide, hier blieben sie trotz bester Arbeit und reicher Mittel etwas unter ihrem eigenen Standard. Nicht immer hat man Glück. Das aber gehört zu diesem Geschäft mehr noch als zur Politik. Die ragte von überallher in diesen Tagen nach Berlin herein und ließ einen der Scherze nicht recht froh werden. War es nicht überhaupt ein Irrtum, daß das Theater eine „Entscheidung in der Zeit“ oder wie man das nennen mochte, bringen müsse? Es kann dazu werden, wie durch das Tagebuch der Anne Frank. Aber sein täglich Brot ist die liebe Unterhaltung, manchmal natürlich mit tieferer Bedeutung. Thilo Koch