Von Ernst Halperin

Erinnerungen großer historischer Tradition verbinden die ungarische Nation mit der polnischen: die Erinnerung an gemeinsame militärische Aktionen zur Verteidigung des christlichen Abendlandes gegen die Türken. Und auch die Erinnerung an die Rolle des Generals Bern und anderer polnischer Freiwilliger in der ungarischen Revolution von 1848/49.

Die neue ungarische Revolution von 1956 wurde durch die Ereignisse in Polen, durch den Machtantritt Gomulkas ausgelöst. Die Studentendemonstration, mit der die Revolution begann, nahm übrigens ihren Anfang am Joszef-Bem-Platz im Budapester Stadtzentrum, unter der Statue des polnischen Freiheitskämpfers.

Es ist also begreiflich, daß die Ereignisse in Ungarn das polnische Volk zutiefst erschüttern. Groß ist der Unwille darüber, daß man Gewehr bei Fuß abseits steht, während das ungarische Volk zunächst mit der Waffe in der Hand und jetzt mit dem Mittel des Generalstreiks – der eher einem Hungerstreik gleicht – gegen den von beiden Völkern als Erbfeind betrachteten Russen kämpft. In Warschau zirkuliert dieser Tage das Wort, die Ungarn hätten sich wie Polen, die Polen wie Tschechen, die Tschechen aber wie ... benommen, und ist wohl bezeichnend für die allgemeine Stimmung, daß dieser bittere Scherz sogar in den Spalten der parteioffiziellen Jugendzeitung Gastrecht gefunden hat.

So ist der Führer des polnischen Nationalkommunismus, Wladislaw Gomulka, durch die ungarische Entwicklung schon wenige Wochen nach seinem Machtantritt in eine schwierige Lage gebracht worden. Die Stärke Gomulkas beruhte darauf, daß er so offensichtlich gegen den Willen Moskaus an die Macht gekommen war. Er erschien deshalb den Polen als Bürge dafür, daß auch die polnischen Kommunisten gute Patrioten und zur Verteidigung der Unabhängigkeit ihres Landes gegen den sowjetischen Hegemonieanspruch bereit seien. Seither aber wurde er nicht nur genötigt, sich für den Verbleib sowjetischer Truppen in Polen auszusprechen, sondern mußte durch Anerkennung der Marionettenregierung Kadar auch die sowjetische Intervention in Ungarn indirekt billigen.

In Ungarn war der Nationalkommunismus seit jeher weit schwächer als in Polen. Seine einzige wirkliche Führerpersönlichkeit, Laszlo Rajk, war schon im Jahre 1949 beseitigt oder, um Stalins Lieblingsausdruck zu verwenden: „physisch vernichtet“ worden. Die ungarischen Nationalkommunisten waren zu schwach, um sich wie in Polen, gegen den Willen Moskaus den Weg zur Macht zu erzwingen. Als dann in Budapest die Revolution ausbrach und sich Moskau endlich dazu bequemte, den Nationalkommunisten Imre Nagy an die Spitze der Regierung zu stellen, war die Autorität dieser Regierung durch die erste russische Intervention bereits restlos kompromittiert.

Um seiner Regierung wieder Autorität beim Volke zu verschaffen, sah sich Nagy genötigt, zunächst freie Wahlen zu versprechen und dann auch noch maßgebende Vertreter der antikommunistischen Opposition, nämlich den Kleinlandwirteführer Bela Kovacs und die Sozialdemokratin Anna Kethly, in sein Kabinett aufzunehmen. Damit aber war es offensichtlich geworden, daß der Nationalkommunismus in Ungarn lediglich ein Übergangsregime sein konnte, das sehr bald durch ein demokratisches Mehrparteiensystem ersetzt werden würde.