In der jetzt zum Sowjetsektor zählenden Altberliner Klosterstraße residiert seit der Spaltung der Stadt in den gleichen Räumen, wo einst die kommunalen Statistiker der Reichshauptstadt mit unbestrittener Sachlichkeit ihren Aufgaben nachgingen, die „Staatliche Zentralverwaltung für Statistik“ der sowjetdeutschen Republik. Bis zum vergangenen Frühjahr war dieser Geheimbund der Zahlenjongleure ein Bestandteil der staatlichen Plankommission, also gewissermaßen der „oberste Sowjet“ der Wirtschaftslenkung in Mitteldeutschland. Dann aber hielt man die Zeit für gekommen, diese Balancekunst mit Prozentzahlen zu „demokratisieren“. Plötzlich gab nämlich auch der Kreml jahrzehntelang als Staatsgeheimnisse gehütete absolute Zahlen aus dem sowjetischen Wirtschaftsleben bekannt. Das sowjetzonale Statistische Amt wurde unmittelbar dem sogenannten Ministerrat unterstellt. Gleichzeitig machte das Publikationsorgan dieser Behörde, die Monatszeitschrift „Statistische Praxis“, die ersten zaghaften Gehversuche auf dem platten Parkett der absoluten Zahlen. Und um jeden Zweifel in die Echtheit des „demokratischen“ Schafspelzes auszuschließen, kündigten die regierenden Wölfe flugs die Herausgabe des ersten Statistischen Jahrbuches an.

Allen böswilligen Skeptikern zum Trotz ist dieses Zahlenwerk jetzt wirklich zum angekündigten Termin erschienen. Äußerlich unterscheidet es sich von dem Jahrbuch der „kapitalistischen“ Bundesrepublik, das im Lexikonformat erscheint, nicht nur durch das wesentlich bescheidenere gewöhnliche Buchformat, sondern auch im Umfang: während das letzte Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes dem eigenen Bereich 527 Seiten widmet, begnügen sich die Statistiker aus der Klosterstraße mit 250 Seiten. Schon der erste Blick verrät also eine (schamhafte?) Zurückhaltung in der Publikationsfreudigkeit. So erfährt man zwar jetzt entgegen früheren Pankower Behauptungen, die solche Darstellungen stets als „staatsfeindliche kapitalistische Lügenmärchen“ bezeichnet hatten, daß die Gesamtbevölkerung in Piecks Rätestaat von 18,388 Millionen im Jahre 1950 auf 17,832 Millionen Ende 1955 zurückgegangen ist; man sucht aber vergeblich nach einer plausiblen statistischen Erklärung für diesen Vorgang – weil es nämlich den kompromittierenden Abschnitt „Wanderungen über die Grenzen“ in diesem Buch nicht gibt...

An anderer Stelle erhält man wohl einen Begriff von der rührenden Fürsorge der Arbeiter- und Bauernmacht“, die ihrem Volk in den Krankenhäusern 1951 nur 188 962 Krankenbetten, 1955 aber schon genau 202 401 zur Verfügung stellte. Die Zahl der Ärzte jedoch bleibt nach wie vor Staatsgeheimnis. Bei den Leistungen der Bauindustrie wird zwar verraten, daß 1955 für den Wohnungsbau insgesamt 635 Mill. Ostmark ausgegeben wurden, bei einem Gesamtaufwand für Bauten von knapp 3 Mrd. DM-Ost. Wie viele Wohnungen aber angesichts der seit Jahren eingestandenen und beklagten Baukostensteigerung entstanden sind, wird nicht gesagt. Auf ganzen anderthalb Druckseiten, die den Staatsfinanzen gewidmet sind, findet man einige Angaben über die Finanzen der zentralgeleiteten „volkseigenen“ Industrie, über den Geldumlauf, über Umschlagsgeschwindigkeit und -dauer des Geldes und über die Spareinlagen der Bevölkerung. Wer aber glaubt, er könnte aus dem hoffnungsvoll grünen Jahrbuch der Zonenstatistiker eine konkrete Angabe über das Steueraufkommen oder gar über den Anteil der direkten und dank der HO-Preise besonders gepfefferten indirekten Steuern erfahren, wird schwer enttäuscht. Genauso ergeht es dem Neugierigen, der sich auch nur in groben Zügen über die gesamten Staatsausgaben der Grotewohl-Regierung unterrichten will. Die Beispiele für diese Taktik, die Wahrheit zu verbergen, ohne direkt zu lügen, ließen sich beliebig vermehren.

Wie es sich für ein derartiges Werk gehört, das wenigstens nach außen hin und auf den ersten Blick einen soliden Eindruck machen soll, haben die beamteten Zahlenwächter in der Klosterstraße dem Band auch einen Anhang mit einer statistischen Materialauswahl aus dem Saarland, der „Deutschen Bundesrepublik“ – wie man den rechtmäßigen deutschen Staat neuerdings in Pankow zu nennen beliebt – und mit internationalen Übersichten anbeliebt Abgesehen davon, daß in vielen Fällen auch hier geflissentlich Angaben fortgelassen sind, die allzu deutlich den Rückstand in Klein-Stalins eigenem Land erkennen ließen, fühlen sich die Hereigenem zu folgender Vorbemerkung verpflichtet: „Beim Benutzen statistischen Materials aus kapitalistischen Ländern ist allgemein zu beachten, daß dieses Material die objektiven ökonomischen und gesellschaftlichen Prozesse nur verzerrt widerspiegelt. Durchgehend wird durch Begriffsbildung und Gruppierung die klassenmäßige Struktur verwischt. Das Offenlegen der Eigentums- und Produktionsverhältnisse und damit der klassenmäßigen Struktur liegt allein im Interesse der Arbeiterklasse.“

Da haben wir also die Bescherung: Lug und Trug im Zahlenspiegel, wohin man auch blickt. Wie löblich ist da doch die proletarische Statistik frei nach Lenin, auf den sich die Herausgeber im Vorwort zu ihrem eigenen Teil beziehen, und der nach ihrem Zitat eine Popularisierung der Statistik gefordert hat, „damit die Werktätigen nach und nach selbst verstehen und sehen lernen, wie und wieviel man verstehen muß, wie und wieviel man sich erholen kann, damit das Vergleichen der praktischen Wirtschaftsergebnisse Gegenstand des allgemeinen Interesses und Studiums werde“.

Wer demnach geglaubt haben sollte, durch die Bekanntgabe absoluter Zahlen der wahren Erkenntnis über den Pankower Staat nähergekommen zu sein, wird wie weiland Doktor Faust beinahe sagen können: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor ..“ gns.