Am 12. November 1956 begann im Bundesgerichtshof die Hauptverhandlung im Prozeß John. Die Anklageschrift des Oberbundesanwalts legt John zur Last, er habe sich am 20. Juli 1954 von Westberlin aus freiwillig in den Sowjetsektor von Berlin begeben und durch öffentliche Reden und Mitteilungen fortgesetzt Staatsgeheimnisse an Unbefugte verraten. (§§ 88 Abs. 2, 100 d Abs. 2, Abs. 3, Abs. 4, 99, 100 Abs. 1, 100 a Abs. 2, 101, 73,3 StGB.) Während der ersten Prozeßwoche wiederholte John seine Behauptung, er sei von dem Berliner Arzt Dr. Wohlgemuth in willenlosem Zustand nach Ostberlin gebracht worden. Der Prozeß wird noch etwa vier Wochen dauern.

D. Z., Karlsruhe, im November

Erstickend ist die Luft im großen Sitzungssaal des Bundesgerichtshofes. Eng stehen die Stuhlreihen hintereinander. Soviel Menschen haben seit Bestehen des Gerichts noch nie in diesem Saal gesessen, wie jetzt zum Prozeß gegen Dr. Otto John, „Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, derzeit seines Amtes vorläufig enthoben“, wie es im Eröffnungsbeschluß des 3. Strafsenats heißt. Senatspräsident Dr. Geier hat den Satz, er wolle eine Pause einlegen, noch kaum beendet, da steht im Zuschauerraum schon alles auf und drängt zur Tür. Niemand denkt an die Höflichkeitspflicht, erst dann den Saal zu verlassen, wenn die Männer mit den roten Roben in ihrem Beratungszimmer verschwunden sind.

Frische Luft und eine Zigarette! Die Aschenbecher an den Wänden des Lichthofes vor dem Sitzungssaal quellen über. Zwischen den Pausen liegen zwei Stunden atemloser Spannung. „Kein übergroßer Fall...“, steht in den „Allgemeinen Bemerkungen“, die acht Tage vor Prozeßbeginn bei einem Informationsgespräch im Bundesgerichtshof verteilt wurden. Das Verfahren werde überschätzt, sowohl nach der Person als auch nach dem Gehalt. „Deshalb kein Sensationsprozeß.“

Warum rattern dann im Keller des Bundesgerichtshofes seit dem 12. November von morgens bis in die Nacht die Fernschreiber der Nachrichtenagenturen? Ununterbrochen vermittelt das im Gericht installierte „Sonderpostamt“ Ferngespräche – „Bitte London ...“, „Dringend Presse Paris...“ – Hamburg, München, Bonn ... es reißt den ganzen Tag nicht ab. Warum verläßt während der Verhandlung kaum jemand den Saal, auch wenn man kaum die verbrauchte Luft noch atmen kann? Es könnte ja gerade jetzt bei der Zeugenvernehmung das entscheidende Wort fallen.

„Kein Sensationsprozeß“ – das erscheint jetzt nach dem ersten Prozeßabschnitt wie ein schlechter Spaß: Der „Abwehrchef“ der Bundesrepublik verschwindet im roten Osten – dann kein Sensationsprozeß? Auch jetzt aber kann noch niemand mit Sicherheit sagen, was an jenem Abend des 20. Juli 1954 in Berlin geschah.

Über zwei Dutzend Zeugen haben schon vor den fünf Richtern die Hand zum Eid gehoben. „Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe...“ sie schwören, die reine Wahrheit zu sagen. Die Zeugenaussagen sollen dazu beitragen, das Bild des Geschehens am 20. Juli 1954 zwischen 19 und 21 Uhr zusammenzusetzen. Aber die Zeugen-Mosaiksteinchen passen nicht immer zusammen. Sie passen nicht in das Bild, das die Verteidigung dem Gericht präsentieren will. Sie passen auch nicht immer in das Zusammenlegespiel der Anklage.