Alle am Osthandel interessierten Wirtschaftskreise Englands verfolgen mit Aufmerksamkeit die Verhandlungen, die in London zwischen Großbritannien und Polen über den Abschluß eines neuen Handelsvertrages angelaufen sind. Der neue Vertrag soll an die Stelle des am 31. Dezember auslaufenden Abkommens treten und – wie man in London hofft – wieder für drei Jahre gelten. Mit dem Abschluß der Beratungen ist Anfang Dezember zu rechnen, wenn die Vorverhandlungen, die jetzt in London aufgenommen wurden, dann in Warschau konkretisiert werden.

Die Aufmerksamkeit, die den britisch-polnischen Handelsberatungen in England und auch in der übrigen westlichen Welt geschenkt wird, hat seinen guten Grund: man möchte erfahren, ob die politischen Umschichtungen in Polen auch eine Änderung der polnischen Handelspolitik zur Folge haben. Ein positives Zeichen in dieser Richtung wäre bereits die Gewährung höherer Importkontingente für Konsumgüter. Vielleicht wartet aber auch Polen auf ein Entgegenkommen der Briten in Form längerer Zahlungsfristen für seine Importe. In der Vergangenheit hat Großbritannien diesen polnischen Wunsch immer ignoriert...

Englands Optimismus liegt übrigens zu einem großen Teil in der jetzt vereinbarten Ausweitung des polnischen Handels mit der Bundesrepublik begründet: am vergangenen Freitag wurden in Bonn die seit Anfang Oktober geführten Wirtschaftsverhandlungen mit einem Warenabkommen für die Zeit vom 1. Juli 1956 bis zum 31. Dezember 1957 abgeschlossen. Es ist ein um rund 20 v. H. vergrößertes Gesamtvolumen von 140 Mill. $ – also 588 Mill. DM – vereinbart worden. Von besonderer Bedeutung ist dabei, daß der Zahlungsverkehr nun auch mit Polen über beschränkt konvertierbare DM-Konten abgewickelt werden wird. Damit ist jetzt mit allen Ostländern die Umstellung des Zahlungsverkehrs auf multilaterale Basis erfolgt. An den polnischen Warenlieferungen in Höhe von 70 Mill. $ Dollar wird die Industrie mit etwa 40 Mill. und die Landwirtschaft mit rund 25 Mill. $ beteiligt sein; der Rest wird für Dienstleistungen beansprucht. Etwas enttäuscht ist Bonn allerdings, weil Polen sich nur mit einem Kohlenkontingent im Wert von 20 Mill. $ einverstanden erklärte. Doch die Warschauer Gesprächspartner ließen durchblicken, daß die Bundesrepublik für diese Position mit Zusatzlieferungen rechnen kann, falls noch Sonderabmachungen für Getreidelieferungen unter Dach und Fach kommen. ww.