Von Max Rychner

Bei seinem Aufenthalt in Venedig 1912 hatte Rilke eine junge Contessina Lella mit Vonamen – Aurelia – kennengelernt, die 1918 den Herzog Tommaso Gallarati Scotti heiratete und bald danach die Beziehung zu dem Dichter wieder anbahnte. Ein Briefwechsel kam zustande; erst mit dem Tode Rilkes im Dezember 1926 wurde um das Ende gesetzt.

Renée Lang, der wir die Schrift Rilke, Gide et Valéry und den Briefwechsel Rilke–Gide zu danken haben, hat nun Rilkes Briefe an Lella, die Mailänderin, herausgegeben und mit kundiger Hand den biographischen wie den zeitgeschichtlichen Stoff geordnet, der zum Verständnis unerläßlich ist. Die Empfängerin bleibt ein wenig im Hintergrunde, aber Renée Lang referiert den Inhalt ihrer Briefe so weit, daß man sich von ihr ein Bild machen kann, das Bild einer jungen Frau und Mutter, die in der Gesellschaft oben steht, aber die Beziehung zu dem fremden Dichter einfach, verehrungsvoll, mit Treue unterhält. Ihr Gatte hat sich auch in der Literatur einen Namen gemacht; in seinem Stück Così sia hat die Duse die Hauptrolle gespielt:

Rainer Maria Rilke: „Lettres milanaises 1521 – 26. Introduction et textes de liaison par Renée Lang.“ – Librairie Plön, Paris.

Literarische Dinge, um diese ging es in dem Briefwechsel zunächst; Rilke kommt auf Übersetzungen seiner Werke zu sprechen, auf Bücher, die Paris damals bewegten, auf Valéry, dessen Charmes er übertrug. Aber mit dem Sieg des Faschismus in Italien, den die Gallarati Scottis strikt ablehnten, begab sich der so unpolitische Dichter auf das Feld – oder Glatteis – der Politik, wie er es noch nie unternommen hatte. Es ist erstaunlich, ja auch verwirrend, wie er die in Italien lebenden, die Diktatur erfahrenden, freiheitlich gesinnten italienischen Freunde von der Richtigkeit und Güte des Faschismus zu überzeugen versucht, wie er von Mussolini als dem „Architekten des italienischen Willens“ spricht oder als dem „Schmied eines neuen Bewußtseins“. Das war 1926, kurz vor seinem Tode, als noch viele nach einer ordnenden Autorität ausschauten, die Schwachen zuerst. Auch den übertreibenden Rationalismus, insoweit er sich in den lateinischen Ländern regte, bejahte er, der sich keiner Nation mehr zugehörig fühlte. Seine Heimatstadt Prag, Österreich, Deutschland: das waren für ihn bloß Etappen gewesen, die er endgültig hinter sich gelassen hatte; jetzt warb er um Paris, mit unerwiderter Liebe um Valéry, um eine innere Heimat in dem, was er sich als Lateinisch-Europa vorstellte, aber so, daß er sein im Rußland der Zarenzeit erworbenes Heimatgefühl ebenfalls bewahren könnte. Schlemihl spricht da, ein Entwurzelter, der nach einem neuen Erdreich verlangt. Französischer oder italienischer Soldat, schreibt er, hätte er „mit Überzeugung und Enthusiasmus sein können“; vergessen ist die Jugend, wo der Prager Kadett am Militärischen litt; in lateinischer Fassung war ihm das Kriegshandwerk etwas Herrliches. Von Deutschland spricht er in den damals noch nachwirkenden Propagandaklischees der Entente von 1914–18; das böse Preußen habe das gutmütige Süddeutschland unterjocht. Das ist übereinfach gesehen; die Anschauung der Geschichte und ihrer Fülle war nicht die Stärke dessen, der im Psychologischen aufs feinste zu differenzieren verstand. So spricht er von den Völkern wie von geistleeren Individualitäten; nur das zeitgenössische Paris hat für ihn noch Leben – es schickte sich gerade an, ihn zu entdecken.

In allem rein Persönlichen jedoch ist er auf seiner Höhe, erfüllt von schöner Verehrung, das Pagenhafte seiner Natur entfaltend, wie er es im Briefaustausch mit edlen Frauen auf seine einzigartige Weise gewohnt war. Da verwehrt ihm auch die französische Sprache ein allzu verästeltes Rankenwerk, auch wenn er den Rilketon in ihr durchzusetzen versteht.