Will man wissen, wie ich bin, muß man mich in dem suchen, was ich schreibe und was das gewissenhafte und durchdachte Ergebnis meiner Gedanken und Beobachtungen darstellt“, schreibt Antoine de Saint-Exupery als Vierundzwanzigjähriger an seine Mutter. Der Satz ist kennzeichnend für die Rezeption, die Saint-Exupery zuteil wurde. Nur allzugern wollte man wissen, wie und was er ist. Man drang in seine Schriften ein, um den Autor zu suchen, und verlor dabei die Autonomie des literarischen Werkes aus dem Auge. Worte schienen Vorwand zu sein für die Darstellung einer Lebensform. Zweifellos kommt Saint – Exupéry diesem außerästhetischen Bedürfnis entgegen. Deutlich vernehmbar spricht aus seinen Büchern der moralische Mensch, der Pädagoge und Verkünder einer Botschaft. Die starke gefolgschaftsbildende Wirkung, die er auf weite Leserkreise, besonders der jungen Menschen in Deutschland ausübt, beruht auf dem Nimbus, der seine Gestalt umgibt, auf dem Primat, das man der Persönlichkeit vor dem Werk einräumte, Die Vorstellung von dem zartfühlendenmelancholischen Dichter am Steuerknüppel einer Lightning birgt eine Faszination, die der kritischen Beurteilung seiner Schriften nicht immer förderlich war. Das literarische Werk wurde zum Transparent eines exemplarischen Daseins, die eigentliche Leistung wurde auf eine moralische Ebene transponiert. Diese Art der Betrachtung ist aber nur solchen Zeugnissen angemessen, die sich nicht als künstlerische Äußerungen geben, so wie

Antoine de Saint-Exupérys „Briefe an seine Mutter“. Übersetzt von Oswalt von Nostiz. Karl Rauch Verlag. 224 S., 10,80 DM,

die zuerst 1955 in Frankreich erschienen sind. Der erste der nahezu hundert hier vereinten Briefe, denen die Mutter eine in andächtigen Worten gehaltene Einführung voranstellt, stammt von dem zehnjährigen Schüler des Jesuitenkollegs in Le Mans, den letzten schrieb Saint-Exupéry als Major einer Fernaufklärerstaffel im Monat seines Todes vom Flugplatz Borgo bei Bastia auf Korsika – im Kriegssommer 1944. Innerhalb dieser kurzen Frist vollzieht sich ein von innerer Unruhe vibrierendes Dasein. Immer wieder aber kehrt Saint-Exupery zu einer ungewöhnlich innigen, dankbaren und fürsorglichen Liebe der Mutter heim. Alle Zärtlichkeit des Knaben, des Jünglings und des reifen Mannes strömt in die Briefe an die „kleine Mama“. Sie ist Trost, Zuflucht und Maßstab in allen Fragen des Lebens für ihn. Sie ist der Schutzengel, zu dem er „betet, allein, in der Nacht“, als er auf einem Flug von Paris nach Saigon abstürzt und in der Lybischen Wüste drei Tage qualvoll umherirrt. Die Mutter ist „sehr viele Dinge“. Sie kann mit ganz realen Mitteln helfen (wenn der Sohn in Geldnot ist) und ist zugleich mit übernatürlichen Kräften begabt –, eine Instanz, die mit den höheren Mächten zum Wohle ihres „großen Jungen“ kommuniziert. Das Denken an sie heilt seine Melancholien; die leiseste Verstimmung jedoch, ein flüchtiger Schatten auf ihrem Gemüt, kann ihn bis an den Rand der Depression betrüben.

Wer der Fülle der in diesen Briefen enthaltenen innerbiographischen Bezüge zu den Schriften nachgeht, wird der tiefen Dankbarkeit, die Saint-Exupery seiner Mutter gegenüber empfindet, auch eine ästhetische Begründung geben können: Das „Haus von Erinnerungen“, das sie ihm baute und in das er auf seinen Wanderungen und Flügen Einkehr hält, ist ein immer wiederkehrendes Motiv seiner Dichtungen geworden. Die Welt der Kindheit mit ihren geheimnisvollen Spielen ist das Arsenal seiner Phantasie, das ihn mit Träumen versorgt, die wirklicher sind als die sichtbaren Gegebenheiten. Wenn er als junger Mann an seine Mutter schreibt, daß das innere Leben die einzige Sache sei, die für ihn zähle, so bekundet sich in diesem Bekenntnis anfangs ein unschuldig egozentrisches Bemühen, alle äußeren Impulse in „Übungen für das Herz“, in Exerzitien der Selbsterziehung zu verwandeln. Später wird spürbar, wie dieser noch ichbezogene Drang zu ethischer Vervollkommnung in tätige Menschenliebe eingeht. Der Gedanke der helfenden Humanitas erwacht in Saint-Exupery und mit ihm das verantwortliche Bedürfnis, die errungenen inneren Reichtümer auszuteilen an alle, die willens und in der Lage sind, seinem geistigen Höhenflug zu folgen.

Es ist erfreulich, konstatieren zu können, daß der Weiheklang, der vielen seiner Werke eignet, den Briefen an die Mutter fehlt. Der unmittelbarpersönliche Charakter dieser Zeugnisse ist ihre Stärke. Auch über die Zärtlichkeit kann man zur Gesittung gelangen – und dieser eine Weg ist manchmal sehr viel überzeugender als der einer Verkündung. Maria Poelchau