Unter Mißachtung der UNO-Charta haben England und Frankreich das Schwert gezogen, im den Gordischen Knoten der Suez-Frage zu durchschneiden. Unter Mißachtung der Beschlüsse sowchl des Sicherheitsrats wie der Vollversammlung der UNO weigern sie sich, es wieder in die Scheide zu stecken. Blut ist vergossen worden; unnötiger-, ja verbrecherischerweise wie die einen sagen, zur Schutz von Lebensinteressen und durch Provokation herausgefordert, wie die anderen erklären. Eindeutig klar ist nur eins: kein Problem wurde wirklich gelöst, weder das Kanalproblem noch das Palästinaproblem, dafür ist ein ganzer Rattenschwanz von neuen Schwierigkeiten entstanden. Politisch gesehen stehen wir heute wieder dort, wo wir vor vier Monaten standen beim Streit um den Kanal.

Wie eigentlich fing alles an? Noch 12 Jahre Laufzeit hatte der alte Kontrakt zwischen der Suezkanalgesellschaft und der ägyptischen Regierung. Nasser aber fand, die Gesellschaft tue zuviel für ihre Aktionäre (37 v. H. Dividende) und zuwenig für den Kanal. Fest steht, daß der Kanal verbreitert und vertieft werden mußte. Die Gesellschaft sagte, wir werden modernisieren – wenn unsere Konzession verlängert wird ... So stand Argument gegen Argument, als jenes brüske amerikanische „Nein“ in der Assuanfrage in Kairo eintraf.

Wäre Präsident Nasser der starke Mann gewesen, als der er gelegentlich auftritt und als den seine Feinde (die ihn sogar mit Hitler vergleichen) gelegentlich hinstellen, so hätte er vielleicht die bittere Pille ohne viele Grimassen geschluckt. So aber brauchte er ein Ventil für seinen eigenen Ärger und für die Gefühle seiner enttäuschten und erbitterten Landsleute. Das Ventil war die Verstaatlichung des Suezkanals. Sie erfolgte am 26. Jul.

In den ersten Augusttagen rief die Regierung Eden Reservisten ein und schickte Truppentransporte und Düsenbomber ins östliche Mittelmeer. Am 30. August landeten französische Fallschirmjäger auf Zypern. 22 Nationen konferierten in London vom 16. bis 23. August und 18 von ihnen einigten sich auf einen von Dulles ausgearbeiteten Vermittlungsplan, demzufolge die .Verstaatlichung des Kanals hingenommen werden sollte (Konzession an Nasser), aber der Kanal von einem internationalen Gremium verwaltet werden müsse (Konzession an England und Frankreich). Nasser sagte aber: „Internationalisierung des Kanals niemals!“

Nun holte Eden seinen ersten scharfen Pfeil aus dem Köcher: die Absage Nassers an die 18 Nationen, so sagte er, sei eine Provokation, die Durchfahrt durch den Kanal müsse notfalls mit Waffengewalt erzwungen werden. Nasser hätte in diesem Fall die Wahl gehabt, zu schießen (und dadurch den Engländern und Franzosen einen Grund zum Eingreifen zu liefern) oder sich zu unterwerfen. In beiden Fällen hätte Ägyptens Präsident sehr bald nicht mehr Nasser geheißen. Dulles aber erklärte, die Vereinigten Staaten hätten nicht die Absicht, „sich ihren Weg durch den Kanal zu schießen“.

Der Pfeil mußte also im Köcher bleiben und die Düsenbomber, Fallschirmjäger und Landungstruppen mußten warten. Nicht lange, glaubte Eden, denn er hatte einen zweiten Pfeil in Bereitschaft. Die Lotsenfrage. London und Paris waren überzeugt, daß der Schiffsverkehr im Suezkanal schwere Störungen erleiden, wenn nicht zum Erliegen kommen werde, wenn alle europäischen Kanallotsen ihren Dienst aufsagen würden. Aber auch diese Rechnung ging nicht auf. Teils, weil die ägyptischen Lotsen tüchtiger waren als man erwartet hatte, teils weil die Schiffskapitäne (darunter auch sehr viele englische und französische) nur ein Interesse hatten: ihre Schiffe heil durch den Kanal zu bringen. Während London und Paris kriegerisch redeten, wurde zwischen Suez und Port Said friedlich koexistiert und navigiert.

Die Feinde Nassers schienen das Spiel verloren zu haben. Aber Eden und Mollet sagten sich: „Was-, hindert uns – auch jetzt noch – daran, die Hand nach den beiden Hauptzielen unserer Politik, dem Sturz Nassers und der Internationalisierung des Kanals auszustrecken?“ Die Amerikaner hatten ja nur gesagt, sie würden selbst nicht schießen, um den Kanal. für ihre Schiffe frei zu machen, sie hatten nicht gesagt, daß sie schießen würden, falls andere es versuchen sollten.