w. d., Potsdam

Die kommunistische „Volkskontrolleurin“ Bertha Roth aus Potsdam konnte sich kürzlich nur durch einen rettenden Sprung an die Notbremse eines S-Bahn-Waggons vor der Volkswut retten.

Bertha Roth ist schon lange Zeit auf dem Bahnhof Griebnitzsee eingesetzt, wo sie die Passagiere der von Potsdam nach Westberlin fahrenden S-Bahn-Züge kontrolliert, ob diese nicht Waren aus der Sowjetzone in die Westsektoren ausführen wollen. Da die Strecke eigentlich immer von denselben Reisenden benutzt wird – entweder Potsdamern, die in Westberlin arbeiten, oder Westberlinern, die in Potsdam und Umgebung beschäftigt sind –, haben die einzelnen „Volkskontrolleure“ ihre bestimmten Spitznamen. Die gewichtige Frau Rah – sie wiegt zwei Zentner – ist wegen ihrer schärfen Überprüfungsmaßnahmen allgemein als die „Rote Bertha“ unbeliebt.

Als sie jetzt wieder einmal eine besonders strenge Kontrolle durchführte und die Handtaschen der weiblichen Reisenden durchschnüffelte, verpaßte sie das Abfahrtskommando des Stationsvorsteheis. Als sich die Türen zu schließen begannen, wollte sie schnell die eingesammelten Fahrkarten zurückgeben.

Dazu muß man wissen, daß die Kontrolleure an Hand der gelösten Streckenabschnitte der Fahrkarten feststellen können, ob jemand im Ostsektor bleiben oder aber bis Westberlin fahren will. Die Kontrolle erstreckt sich nur auf die Personen, aus deren Fahrausweisen ein Westberliner Ziel hervorgeht.

Die Reisenden weigerten sich jedoch, die ihnen rasch zugesteckten Fahrkarten entgegenzunehmen. Jeder sagte: „Das ist nicht meine Karte, ich will meine Fahrkarte! Suchen Sie sie gefälligst heraus.“

Die „Rote Bertha“ erkannte jedoch die Gefahr, daß bis zur Klärung solcher Zweifel der Zug abgefahren wäre – und der nächste Bahnhof la; bereits in Westberlin.