Wenn die Aktionäre der größten deutschen Reederei, nämlich der Hamburg-Amerika Linie (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-AG), Hamburg, zu einer Hauptversammlung zusammenkommen, dann sollte trotz der bei diesem Unternehmen festgefügten Mehrheitsverhältnisse ein lebhaftes Frage- und Antwortspiel zwischen ihnen und der Verwaltung möglich sein. Sieht man von einem einzelnen Aktionär ab, der sich nach dem Anwendungsbereich des Pensionsfonds erkundigte, dann blieben die Aktionäre stumm. Die Regularien wurden in knapp fünf Minuten abgewickelt; wenn die HV dennoch etwas länger dauerte, dann lag es an Dr. Rudolf Brinckmann (Brinckmann, Wirtz & Co, Hamburg), der dem jetzt ausgeschiedenen AR-Vorsitzenden Erich Bechtolf (Norddeutsche Bank AG, Hamburg) und seinem Stellvertreter, Dr. Heinrich Riensberg (Reederei Ernst Russ), der sich ebenfalls nicht zur Wiederwahl stellte, die Anerkennung dafür zum Ausdruck brachte, daß beide Persönlichkeiten die Geschicke der Hapag seit mehr als 20 Jahren maßgebend mitgestaltet haben. Sieht man jedoch von dieser Würdigung ab, so bleibt ein solcher HV-Verlauf unbefriedigend. Das gilt für eine kleine Gesellschaft, und erst recht für ein Unternehmen wie der Hapag.

Ist es nicht geradezu erschreckend, wenn kein Aktionär auf die Idee kam, sich wenigstens nach dem Verlauf des bereits im nächsten Monat zu Ende gehenden Geschäftsjahres zu erkundigen? Wollte denn kein Hapag-Aktionär wissen, welche Gedanken sich der Vorstand über die endgültige Kapitalumstellung macht? Lag es nicht nahe, den Vorstand aufzufordern, nähere Auskunft über die von ihm im Geschäftsbericht angedeutete Möglichkeit zur Wiederaufnahme der Passagierschiffahrt zu geben? Als die Hapag-Aktionäre zum Fragen aufgefordert wurden, da schwiegen sie. Das ist blamabel!

Leider kam der Vorstand in dieser Lage nicht auf den Gedanken, von sich aus die Initiative zu ergreifen, obwohl er sich auf alle diese Fragen präpariert hatte. Es wäre beinahe dazu gekommen, daß die Öffentlichkeit nicht erfahren hätte, daß im Geschäftsjahr 1956 gute Ergebnisse erzielt worden, sind und daß der jetzt durch Sonderabschreibungen entstandene Verlust von rund 7,5 Mill. DM in 1956 durch einen gleich großen Gewinn ausgeglichen wird. Das stand in einer Erklärung, die man den Aktionären geben wollte. Sie hätten weiter hören können, wie nahe sie an der endgültigen Kapitalumstellung sind, die per 31. Dezember 1956 vorgenommen und durch eine nicht unbeträchtliche Ermäßigung des Kapitalentwertungskontos (jetzt 23,7 Mill. DM) infolge Freigabe ausländischer Vermögenswerte für den Aktionär überraschend günstig ausfallen wird.

Vergraben in der Brust der Hapag-Verwaltung blieb indes die Stellungnahme zur Frage der Passagierschiffahrt, obwohl hierüber ein Konzept vorlag, das jedoch auch den Pressevertretern nach der HV nicht zugänglich gemacht wurde. Ungefragt – so sagten die Vorstandsmitglieder – wollen wir das heiße Eisen nicht anfassen. Aber so viel war jedenfalls darüber zu hören, daß in den nächsten Wochen die Entscheidung des Bundesfinanzministeriums darüber erwartet werden kann, ob und bis zu welchem Grad der Fiskus beim Bau von Passagierschiffen Hilfestellung geben will. Schade, daß wir – die Steuerzahler, um deren Geld es gehen wird – nicht wenigstens die Auffassung so prominenter Fachleute, wie es die Mitglieder des Hapag-Vorstandes sind, gehört haben. Aber daran sind die Hapag-Aktionäre schuld, die auch danach nicht gefragt haben ... K.W.